Erstellt am: 29.01.2009 Autor: Christopher Radler Status: Senior
Der Einfluss des Internets auf islamistische Gewaltdiskurse
Mit dem Siegeszug des Internets hat ein Phänomen seinen – vorläufigen – logischen Höhepunkt erreicht, das man ganz allgemein als „Laienbewegung“ im religiösen Diskurs bezeichnen könnte. Angefangen mit Hasan al-Banna (1906-1949), dem Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft, über den radikal-islamistischen Vordenker Sayyid Qutb (1906-1966) und dessen Epigonen, haben zunehmend solche Personen des radikal-islamistischen Spektrums die Deutungshoheit über theologische Fragen beansprucht, die nicht über die klassische Legitimation für deren Erörterung verfügen. Qutb löste sein Legitimitätsdilemma einerseits, indem er die ʿulama sowie die klassische Rechtsfindung zu einem Teil des Problems erklärte und deren Absetzung postulierte, andererseits, indem er immer wieder auf prominente Vorbilder aus dem klassischen Rechtswesen rekurrierte, so zum Beispiel Ibn Qayyim al-Dschawziya (st. 1350), um seine Positionen zu legitimieren. Qutbs Ziel war die Etablierung des „islamischen Staates“, den er allerdings rein politisch definierte: Oberstes Gebot sei die uneingeschränkte Herrschaft des göttlichen Gesetzes (schariʿa), weniger der persönliche Glaube seiner Bewohner (ʿaqida). Trotzdem legitimierte er diesen Anspruch aber religiös, genauso wie das Mittel zur Durchsetzung dieses Anspruchs der Dschihad, also ein religiöses Konzept war.
Dass das Internet dieser Entwicklung Vorschub leistet ist die logische Konsequenz seiner Struktur, koppelt es durch seine systeminhärente Anonymität[i] Inhalte doch fast vollständig von den sie äußernden realen Person ab und überlässt es dem Leser, diese einem Werturteil zu unterziehen. Dadurch beteiligen sich mehr und mehr Muslime an religiösen Diskursen aller Art, allerdings sind diese „virtuellen Rechtsgelehrten“ dem Druck ausgesetzt, sich, innerhalb virtueller Kommunikationsmechanismen ohne reale Erfahrbarkeit, auf ein verbindliches Bezugssystem zu berufen, um so ihre Autorität zu konstruieren.
Das Aufkommen großer muslimischer Diasporagemeinden, im Zuge der Deterritorialisierung des Islam, schafft eine völlig neue Situation,[ii] in der die „Gemeinschaft der Muslime“ als virtuelle umma nicht mehr an Landesgrenzen gebunden ist.[iii] Ein nicht geringer Teil dieser Diaspora-Muslime befürwortet den Einsatz von Gewalt[iv] zur Erreichung politischer Ziele unter dem Etikett „Dschihad“[v] und führt diesen virtuell durch das Medium Internet.[vi] Dabei ist das Ziel möglichst viele Muslime zu erreichen, und wenn nicht zur aktiven Unterstützung zu bewegen, so zumindest Akzeptanz unter ihnen zu erzeugen. Gerade diese Diaspora-Muslime unterliegen, neben dem bereits beschriebenen Legitimitätsdruck durch die Anonymität des Internets per se, einem zusätzlichen Rechtfertigungsdruck, da sie durch ihren Diaspora-Status wesentlich kritischer betrachtet werden als Muslime aus einem genuin islamischen Umfeld.[vii]
Der von Rüdiger Lohlker auf einer Tagung in Greifswald geäußerten These, theologische Diskurse würden bei heutigen Dschihadisten keine Rolle mehr spielen[viii], muss deshalb insbesondere für den Diaspora-Kontext widersprochen werden. Zwar ist eine Ablehnung theologischer Diskurse, wie eine allgemeine Erosion klassischer Legitimitätsformen[ix], nicht zu bestreiten, aber dies impliziert einerseits deren Rezeption, andererseits schafft dies einen ganz neuen Diskurs, wobei die Bezugnahme auf bestimmte Hadithe, Suren und Kombinationen aus beiden aber teilweise klassische Diskurse widerspiegelt.
Bedingt durch die Eigenarten des World Wide Web ändern sich Diskurse im Zeitalter der Globalisierung, insbesondere bei Diaspora-Muslimen. Meine Vermutung ist, dass zumindest unter radikalisierten Diaspora-Muslimen ein Trend zu einer Rückbesinnung auf klassische Diskurse und Quellen zu verzeichnen sein wird. Im Fokus zukünftiger Untersuchungen sollte daher folgende Fragestellungen stehen: Welche Quellen werden in welchem spezifischen Kontext wie rezipiert und wie wird Legitimation konstruiert?
Abschließend möchte ich noch eine hochspekulative These äußern: Die Positionen von Diaspora-Muslimen werden, bedingt durch den digital divide, einen stärkeren Einfluss gewinnen, da sie durch die besseren Zugangsmöglichkeiten zum Internet überproportional stark in der virtuellen umma vertreten sind.
[i] So zum Beispiel in Online-Foren, bei denen ein Nutzer ein beliebiges Pseudonym wählen kann. Selbst wenn ein Nutzer kein Pseudonym verwendet, ist nicht gewährleistet, dass dies der Wahrheit entspricht. Für die Problematik der Identität im Internet siehe Sherry Turkle: Leben im Netz: Identität in Zeiten des Internet, Reinbek bei Hamburg: rororo-Verlag, 1998.
[ii] Vgl. insbesondere Olivier Roy: Der islamische Weg nach Westen: Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung, München: Pantheon, 2006.
[iii] Gary Bunt: Virtually Islamic: Computer-mediated Communication and Cyber Islamic Environments, Cardiff: University of Wales Press, 2000, S. 67.
[iv] Im Rahmen einer Studie zu religiös motivierter Gewalt taten 7% der befragten ihre Bereitschaft kund „für die Sache des Islam persönlich Gewalt gegen Ungläubige einzusetzen“. Vgl. Brettfeld, Katrin, Wetzels, Peter: Muslime in Deutschland: Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt – Ergebnisse von Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in städtischen Lebensräumen, Hamburg, 2007, S. 176.
[v] Rüdiger Lohlker: Islam: eine Ideengeschichte, Wien: Facultas, 2008, S. 248.
[vi] Zur Thematik des „elektronischen Dschihad“ („E-Dschihad“) siehe insbesondere Gary Bunt: Islam in the Digital Age: E-Jihad, Online Fatwas and Cyber Islamic Environments, London (et al.): Pluto Press, 2003.
[vii] Im deutschen Diaspora-Kontext war dieses Phänomen im Rahmen des „Sonderforschungsbereichs 619 / C 9 („Rituelle Reinheit im Islam“)“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft gerade bei jungen konservativen Muslimen, in einer Reihe von Kontexten zu beobachten. Bezüglich des potentiell negativen Einflusses eines nicht-islamischen Landes auf sich dort aufhaltende Muslime, vgl. Ludwig Hagemann und Adel Theodor Khoury: Dürfen Muslime auf Dauer in einem nicht-islamischen Land leben? Zu einer Dimension der Integration muslimischer Mitbürger in eine nicht-islamische Gesellschaftsordnung, (Religionswissenschaftliche Studien; 42), Altenberge: Oros, 1997; insbesondere Kapitel 3 und 4.
[viii] Rüdiger Lohlker: „Jihadistischer Gebrauch von Hadith und Koran“, Vortrag, gehalten auf der internationalen Fachtagung des Alfried Krupp Wissenschaftskollegs Islamische Kontroversen zu Koexistenz und Gewalt: Die Bedeutung der kanonischen Quellen Koran und Prophetentradition, Greifswald: 18. bis 20. September 2008.
[ix] Über diese ursprünglich von Albrecht Hofheinz gemachte Beobachtung hinaus (www.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-491/_nr-14/_p-1/i.html [zuletzt gesichtet am 23.9.08]) wurde beispielsweise im Rahmen des o. g. Forschungsprojektes SFB 619 / C 9 die Beobachtung gemacht, dass durch das Internet auch Muslimas immer stärker als „virtuelle Rechtsgelehrte“ in Erscheinung treten.








