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(Chefredakteur / Sonderkorrespondent Außenpolitik in der WAZ Mediengruppe)

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Dr. Bastian Giegerich
European Security and Strategic Culture
National Responses to the EU's Security and Defence Policy
2006, 244 S., ISBN 978-3-8329-2371-6
(Düsseldorfer Schriften zu Internationaler Politik und Völkerrecht, Bd. 1)

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Erstellt am: 21.11.2008 Autor: Burkhard Theile Status: DIAS-Vorstandsmitglied

Bankenkrise und Wissensgesellschaft

Einführung

Wissen und Informationen steuern heute eine Vielzahl industrieller Wertschöpfungsprozesse. Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Der oft synonym benutzte Begriff Informationsgesellschaft ist mehr technisch ausgerichtet und weist auf einen hohen Nutzungsgrad von Informations- und Kommunikationstechnologien hin. Der Wandel von der Industriegesellschaft hin zur Wissensgesellschaft hat vielfache Auswirkungen auf uns, unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft.

Dieser Wandel begann vor mehr als zwanzig Jahren, graduell und fast unbemerkt. Nach Analysen des Gesellschaftswissenschaftlers und Zukunftsforschers A. Toffler[1] löst die Veränderung von Wertschöpfungsprozessen erhebliche Verwerfungen vorherrschender wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Strukturen aus. Das war beim Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft der Fall und wird ebenso den Übergang zur Wissensgesellschaft betreffen. In seinem Buch Megatrends[2] analysiert Naisbitt den Übergang der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft und kommt zu ähnlichen Schlüssen wie Toffler. Auch der militärische Bereich ist betroffen. Streitkräfte der westlichen Welt nutzen die „Rohstoffe“ Information und Wissen zur Steigerung von Effizienz und Effektivität. In einem als Streitkräftetransformation bezeichneten Prozess werden unter anderem Doktrin, Ausrüstung und Organisation neu gestaltet, um die technischen Möglichkeiten des Informationszeitalters so weit wie möglich nutzen zu können.

Die allgegenwärtigen Informations- und Kommunikationsmittel und deren nahezu kostenlose Nutzbarkeit haben eine Informationsschwemme erzeugt, die uns leicht überfordert. Informationen können interessant sein, sollten jedoch keineswegs mit Wissen gleichgesetzt werden. Wissen entsteht durch die Strukturierung, Vernetzung und Analyse von Informationen. Zwei Beispiele aus der Praxis mögen dies veranschaulichen: Die Körpertemperatur eines erkrankten Patienten ist eine Information. Das zur Therapie notwendige Wissen verschafft sich der Arzt durch die Vernetzung mit anderen Informationen wie Organfunktionen, Vorerkrankungen und sonstiger akuter Symptome.

Zielführende Entscheidungen werden aufgrund von Informationen und Wissen gefällt. Zwei Wegweiser am Straßenrand für verschiedene Wege zum Ort „Z“ informieren nur. Werden zusätzliche Informationen über Verkehrslage, Ortsdurchfahrten, Straßensperren oder landschaftliche Reize in einem Navigationssystem gebündelt, ermöglichen sie uns eine unseren Wünschen entsprechende Routenwahl, wie beispielsweise „kürzeste Strecke“ oder „Sehenswürdigkeiten“ in der Nähe. Im Umkehrschluss verschafft uns unzureichendes Wissen eine verlässliche Grundlage für Fehlentscheidungen.

Zur Entstehung der Bankenkrise haben die Undurchschaubarkeit weitgehend automatisch gesteuerter Finanzströme, eine Gleichsetzung von Informationen und Wissen sowie eine zunehmende Lösung des Geldes von materiellen Bezügen beigetragen. Als sich das Ausmaß der Krise abzeichnete, zitierte die Tagespresse Bankfachleute mit der Aussage, dass viele Finanzinstrumente nicht mehr durchschaubar seien. So wurden Anlageentscheidungen aufgrund der Informationen „Rendite“ oder einer geglaubten Renditesicherheit gefällt und oftmals durch Rechenprogramme getätigt. Das Wissen über den tatsächlichen Wert der Anlage und der damit verbundenen Chancen und Risiken war vielfach entweder nicht verfügbar oder konnte wegen schneller Entscheidungszyklen nicht in den Entscheidungsprozess eingebracht werden.

A. und H. Toffler befassen sich ausführlich mit der Entwicklung des Kapitalismus[3] im Informationszeitalter und untersuchen den Bedeutungswandel von Eigentum, Kapital, Märkten und Geld. Viele in der Industriegesellschaft bewährte Denkschemata und Prozesse verlieren danach in der Wissensgesellschaft ihre Brauchbarkeit und ehedem für das gesellschaftliche Zusammenleben bewährte Strukturen und Regeln müssen für die Wissensgesellschaft neu verfasst werden.

Paradigmen der Wissensgesellschaft

Materielle Güter sind in einer Industriegesellschaft die Voraussetzung für Einflussnahme und Wohlstand. Das gilt in der Wissensgesellschaft nicht mehr uneingeschränkt. Jedermann kann Informationen nahezu zum Nulltarif global verteilen und somit Einfluss ausüben. Wohlstand ist auch ohne wesentlichen materiellen Einsatz erreichbar wie das Internet-Unternehmen Google zeigt. In der Wissensgesellschaft verlieren hierarchische Strukturen zunehmend an Bedeutung. Akteure mit unterschiedlichen Ressourcen und Fähigkeiten können sich zu einer aufgabenorientierten Gruppierung vernetzen und nach Erledigung des Auftrages das Netzwerk wieder verlassen.

Viele in der Industriegesellschaft bewährte und praktizierte Normen und Gesetze werden den Anforderungen der Wissensgesellschaft nicht gerecht. Dies lehrt uns beispielsweise die fortwährende Debatte über die Trennung von äußerer und innerer Sicherheit. Kriminelle Akteure verfügen heute über Technologien, die im industriellen Zeitalter durch Staaten kontrolliert wurden. Zu nennen sind Navigations- Kommunikations- und Aufklärungsmittel sowie Transportgerät für kriegerische Unternehmungen. Unter Missachtung jeden Rechts setzen sie diese Mittel zur Verfolgung ihrer Ziele ein. Bei Piraterie oder Drogenschmuggel auf dem Seeweg hat eine nationalstaatlich organisierte Kriegsmarine zwar die technischen Fähigkeiten zum Aufbringen der Boote, aber nicht die rechtlichen Möglichkeiten, gefasste Piraten und Schmuggler auf hoher See zu verhaften. Der moderne Pirat will eine bestimmte Wirkung erzielen und verschafft sich die dafür notwendige Technik. Die Industriegesellschaft verfügt über ausgereifte Techniken, um sich zu wehren, kann sie aber wegen bestehender Rechtsnormen nicht organisatorisch zusammenführen, um aktuell auftretende Probleme umfassend und schnell zu lösen.

Die Industriegesellschaft bewertet ihre Wirtschaftsunternehmen aufgrund materiell fundierter Größen wie Kurs-Gewinn Verhältnis, Dividendenrendite, Finanzsituation und Zukunftspotential. In der Wissensgesellschaft bestimmen überwiegend nichtmaterielle Werte den Unternehmenswert. Vielfach gibt es keine nennenswerten materiellen Bezugsgrößen zur Feststellung eines Unternehmenswertes. Die erste Internetblase entwickelte sich bis zum Platzen, weil Investoren ohne konkrete Anhaltspunkte für die Unternehmensbewertung investierten und unrealistisch hohe Ergebniserwartungen hegten. Diese Erwartungshaltung wurde seinerzeit durch eine einzige Information ausgelöst: „dot-com". Innerhalb dreier Jahre waren die Kurse der im NEMAX 50[4] gelisteten Unternehmen bis Ende 2000 durchschnittlich um 1600% gestiegen und der Index zählte 9665 Punkte. Im September 2001 zählte er noch 660 Punkte. Diese Unternehmen verfügten über keine materiellen Werte, ihre Bewertung kann man nur als informationstechnisches Phänomen begreifen.

Das Problem der Ermittlung des Emissionspreises für den Börsengang eines informationswirtschaftlichen Unternehmens löste Google 2004 durch ein Auktionsverfahren. Bemerkenswert ist, dass der Börsenwert von Google nicht den Nutzen der Suchmaschine abbildet, sondern deren Nutzen als Werbeträger bewertet. Aus dem Suchauftrag abgeleitete Informationen werden zur gezielten Werbung eingesetzt.

Im Industriezeitalter war die hierarchische Struktur ein bewährtes Mittel zur Steuerung und Überwachung komplexer Vorhaben. Die Hierarchie ist letztlich ein Managementsystem für Informationen. Für die erfolgreiche Unternehmensführung braucht der Firmenchef nicht zu wissen, wie einzelne Komponenten zusammengeschraubt werden. Er hat nur sicherzustellen, dass die Arbeitsabläufe geordnet und wirtschaftlich sind. Jede Ebene in der Hierarchie hat Kontroll- und Entscheidungskompetenzen mit vorgegebenen Freiräumen und Handlungsvorschriften. Nur die für das Handeln der übergeordneten Ebene notwendigen Informationen werden nach oben weitergegeben.

Die Netzwerke der Wissensgesellschaft verdrängen die Hierarchie samt deren ordnenden und kontrollierenden Eigenschaften, weil sie schneller reagieren und größere Informationsmengen verarbeiten können. Die Behäbigkeit des hierarchischen Systems gewährt Freiraum zur Bewertung von Informationen und der Wissensgenerierung. Die festen Strukturen ermöglichen das Nachvollziehen von Abläufen. Das vernetzte System ist dagegen ständigen Veränderungen unterworfen und verleitet zu undurchdachten Handlungen. Die systemische Kontrolle der Hierarchie wird im vernetzten System in der Regel durch ein Trial and Error Verfahren ersetzt. Die Hierarchie ist prozessorientiert, das Netzwerk ist ergebnisorientiert. Ein Preis für diese Ergebnisorientierung ist die Undurchschaubarkeit des Gesamtprozesses.

Die Bankenkrise hängt auch mit einem grundsätzlichen Bedeutungswandel der oben genannten Größen Eigentum, Kapital, Märkte und Geld zusammen. Ein Prozess der Entmaterialisierung begleitet den Übergang zur Wissensgesellschaft. Finanzgeschäfte ohne materielle Bindung der betreffenden Finanzen sind möglich geworden und verführen zur Spekulation. Leerverkäufe von Aktien sind ein Beispiel hierfür. Macht und Einfluss lösen sich von der Verfügbarkeit über materielle Güter. Daraus entstehen Bewertungsprobleme. Nichtmaterielle Güter wie ein Patent kann man anhand des Nutzeffektes bewerten. Auch bei einer Suchmaschine ist der Nutzen messbar. Wenn die Werbung Wirkung zeigt, erzeugt sie einen Wert. Bei Finanzprodukten, die selbst von Fachleuten nicht durchschaut werden, ist der Nutzen nicht quantifizierbar und hat wahrscheinlich nur spekulativen Charakter.

Die Verfügbarkeit über Information wird vielfach bereits als Mehrwert empfunden. Das technisch Machbare und finanziell Realisierbare ist ein vielfach erstrebenswertes Ziel, ohne potentiellen Nutzen oder Nutzlosigkeit zu beachten. Dabei werden die Folgen der Informationsüberflutung leicht übersehen: Undurchschaubarkeit, Täuschung und Verzicht auf Wissensgenerierung. Die Finanzkrise ist nicht die einzige durch die Informationstechniken entstandene Problemzone. Der Umgang mit der Informationsfülle verlangt grundsätzlich neue fachliche und soziale Qualitäten, die ausbildungsartig vermittelt werden müssten. Industriegesellschaftlich geprägtes Verhalten ist in der Wissensgesellschaft oft untauglich. Die Kommunikationswissenschaftlerin Meckel[5] hat persönliche Verhaltensweisen im Umgang mit mobilen Kommunikationstechniken beobachtet und eine Reihe von Fehlentwicklungen beschrieben. Viele Mitmenschen glauben, dass Informationsbesitzer mächtig sind und steigern das Selbstwertgefühl durch häufige Telefonate, möglichst in der Öffentlichkeit, und einen allgegenwärtigen Laptop. Das ist an sich noch nicht schädlich, allenfalls für den Nachbarn am Nebentisch lästig. Im Industriezeitalter hatten Informationen einen Macht verleihenden Charakter. Das gilt heutzutage nicht mehr und die Autorin zeigt, wie durch freiwilliges Unterwerfen unter die Informationsflut Chancen zum Nachdenken und zur Urteilsbildung ungenutzt bleiben und hier liegt das eigentliche Risiko des unreflektierten Nutzens der Informationstechnik. Fehlentscheidungen werden wahrscheinlicher, nicht nur in der Finanzwelt.

Es gibt auch juristische Sichtweisen, den gesellschaftlichen Wandel als Ursache der Krise zu sehen. In einer überregionalen Tageszeitung[6] schreibt der Strafverteidiger Rainer Hamm: „Dass sich die Bankkrise ausgeweitet hat, spricht eher dafür, dass es sich um eine systemische Immunschwäche des gesamten, weltweit vernetzten Finanzorganismus als um ein Versagen oder gar kriminelle Handlungen einzelner Manager gehandelt hat“. Hamm folgert denn auch richtig, dass die Suche nach den global-strukturellen Ursachen der kollektiven Ahnungslosigkeit über das Hereinbrechen des Desasters und nach den Möglichkeiten ihrer Vermeidung - und nicht die Strafverfolgung - im Vordergrund stehen sollten.

Genau das ist der Punkt: Ausbildung, Vorschriften, Gesetze und Regeln sind für die heute technisch machbaren Handlungsmöglichkeiten unzureichend. Die Aufsichts- und Bewertungsmechanismen des Industriezeitalters versagen vielfach für die Prozesse des Informationszeitalters. Die Wirtschaft setzt das technisch Machbare zur Wertschöpfung ein. Das muss sie tun. Die Gesetzgebung und die Anpassung von Kontrollmechanismen können der Entwicklung naturgemäß nicht schnell genug folgen.

Konsequenzen

Nicht alles was technisch möglich ist, ist gesellschaftlich nützlich. Das technisch Machbare ist kein Wert an sich und schon gar kein strategisches Ziel. Die Technikbegeisterung hat oft gegenüber der ursächlichen Aufgabenstellung eine zu hohe Priorität. Der umgekehrte Weg ist richtig: Die Aufgabenstellung muss die Technik bestimmen. Wer nur telefonieren will, braucht eben nur ein Telefon und keinen Kleincomputer mit Kamera.

Die in der Presse genannten Maßnahmen des Weltfinanzgipfels vom 16. November 2008 werden nur greifen können, wenn ein Finanzsystem mit großer Robustheit und Sicherheit entworfen wird. Die Überwachungs- und Kontrollmechanismen sind einem ständigen Anpassungsprozess zu unterwerfen. Es ist eine große Herausforderung für die Architekten des Systems, die mit der Wissensgesellschaft eingetretenen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft zu berücksichtigen.

©2008 Burkhard Theile

 


[1] Toffler, A.: Power Shift, Knowledge, Wealth, and Violence at the Edge of the 21st Century, Bantam Books, 1990  

[2] Naisbitt, John: Megatrends, Ten New Directions Transforming our Lives, Warner Books, New York, 1984

[3] Capitalism's End Game in: Toffler, Alvin und Heidi: Revolutionary Wealth, Alfred A. Knopf, New York, 2006

[4] Aktienindex des Frankfurter Neuen Marktes.

[5] Miriam Meckel: Das Glück der Unerreichbarkeit – Wege aus der Kommunikationsfalle, Murmann Verlag, 5. Auflage 2008

[6] Das Schwert sitzt locker - Kommt nach der Finanzkrise die Strafrechtskrise? Die Verfolgung von Managern hat experimentellen Charakter. FAZ Nr. 260 S. 10