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Ulf Meinke
(Korrespondent der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Berlin)

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DIAS Schriftenreihe: Völkerrechtliche Stellung von internationalen Terrororganisationen

Dr. Lars Mammen
Völkerrechtliche Stellung von internationalen Terrororganisationen
2007, 342 S., ISBN 978-3-8329-2778-3
(Düsseldorfer Schriften zu Internationaler Politik und Völkerrecht, Bd. 4)

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Erstellt am: 30.12.2008 Autor: Christopher Radler Status: Senior

Die Anschläge von Mumbai als Machwerk al-Qa’idas?

Nachdem die Anschläge von Mumbai (Bombay) durch die indischen Sicherheitsdienste beendet worden sind, ist eine der in diesem Zusammenhang am heftigsten diskutierten Fragen, ob die sich zu den Anschlägen bekennende Gruppe "Deccan Mudschahidin" Verbindungen zu al-Qa’ida hat.

Auf den ersten Blick scheint einiges für diese These zu sprechen: Die minutiöse Planung der Attentate sowie deren zeitliche Synchronität sprechen dafür, dass eine gut organisierte Gruppe hinter den Anschlägen steckt. Das amorphe Netzwerk al-Qa’ida hat Terrorgruppen, die deren Ideologie vertraten, oftmals Unterstützung in finanzieller und logistischer Hinsicht gewährt. Dass zumindest bei einigen der Anschlagsziele konkret nach Amerikanern und Briten gesucht worden ist und auch ganz gezielt ein jüdisches Zentrum angegriffen wurde, spricht für ein Feindbild, das, wie viele andere radikalislamistische Gruppierungen, auch al-Qa’ida vertritt.

Im Denken al-Qa’idas befindet sich die Welt in einem apokalyptischen Kampf zwischen den Mächten Gottes – und damit des Guten – und jenen des Satans in Gestalt der "Juden und Kreuzfahrer" [i]. Es ist ein Kampf innerhalb kosmischer Dimensionen. Kosmisch, weil er über das Leben hinausgeht und eine Beteiligung an diesem Kampf für die "wahrhaft gläubigen" Muslime religiöse Pflicht ist. In einem solchen Kampf mit einem "satanischen Gegner" kann es nur ein Ziel geben, nämlich den Gegner vollständig zu vernichten; eine Transformation ist unmöglich. Anschläge al-Qa’idas werden als "dramatische Events" [ii] inszeniert, welche die Rezeption ihres apokalyptischen Kampfes innerhalb religiöser Dimensionen unterstützen. Dazu gehört oft, dass sie als eine Art "Gottesdienst" zelebriert werden, in deren Rahmen sich die Attentäter auf dem Weg des Martyriums in die Luft jagen und damit selbst "opfern", wie es bei 9/11 und den Anschlägen von London 2005 der Fall war.

Bei den Kommandoaktionen der indischen Sicherheitskräfte, wurden ca. 600 Geiseln befreit. Hierbei erstaunen einige Details, die gegen eine Beteiligung al-Qa’idas sprechen. Erstens die Tatsache, dass überhaupt Geiseln genommen worden sind. Dies war bisher bei keinem Anschlag mit al-Qa’ida-Beteiligung der Fall. Zweitens, dass die Geiseln überlebten. In dem Kampf al-Qa’idas gibt es nur die Vernichtung des Gegners, Geiselnahmen sind diesem Denken fremd. Dass Geiseln überleben sowieso.

Drittens und letztens handelte es sich bei den Anschlägen nicht um Selbstmordattentate, sondern um selbstmörderische Anschläge, die eher den Charakter eines Guerilla-Krieges hatten. Und auch das apokalyptische Element fehlt ihnen völlig: Die Tatsache, dass die indischen Sicherheitskräfte Geiseln befreien konnten spricht für sich, ebenso wie die Festnahme (!) eines der Attentäter. Dass dieser festgenommene Attentäter bei den Vernehmungen angab, die Gruppe habe die Sprengung des "Taj Mahall" und die Ermordung von 5000 Menschen geplant, um ein indisches 9/11 zu inszenieren, scheint mir in diesem Zusammenhang irrelevant. Die Terroristen hätten genug Zeit gehabt, diese Pläne in die Tat umzusetzen, oder zumindest die Geiseln zu exekutieren, was sie beides nicht taten. Und anstatt den Weg der Selbstopferung zu gehen, stellte der letzte überlebende Attentäter sich tot, um den Sicherheitskräften zu entgehen.

Schlussfolgerungen

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird sich al-Qa’ida zu den Anschlägen zu Wort melden und seine Sympathie bekunden, handelt es sich bei der Mehrzahl der Opfer nicht um Juden, Amerikaner oder Briten, sondern um hinduistische Inder, die ebenso als "Ketzer" (kuffar) und "Polytheisten" (muschrikun) gebrandmarkt werden und daher dem gängigen Feindbild entsprechen. Sowohl Inszenierung als auch Ausführung der Anschläge sind aber für al-Qa’ida höchst untypisch und sprechen ganz klar gegen deren direkte Beteiligung. Aufgrund der dichten Vernetzung gewaltbereiter Islamisten in nationalstaatlichen sowie transnationalen Kontexten, ist eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen den Drahtziehern der Anschläge von Mumbai und der Führung al-Qa’idas zwar nicht auszuschließen, eine tragende Rolle bei deren Vorbereitung hat sie aber höchstwahrscheinlich nicht gespielt. .

 

 


[i]               So die Titulierung in der berühmten "Erklärung der Internationalen Islamischen Front für den Heiligen Krieg gegen die Juden und Kreuzfahrer" vom 23. Februar 1998, in der Bin Ladin und diverse andere Islamistenführer erklären, dass der Krieg gegen die Amerikaner und deren Verbündete, insbesondere die Juden, eine heilige Pflicht sei (vgl. Gilles Kepel und Jean-Pierre Milelli, Al-Qaida: Texte des Terrors, München: Piper, 2006, S. 85-89). .

[ii]              Mark Juergensmeyer, Terror in the Mind of God: The global Rise of religious Violence, Oxford: University Press, 2000.