Erstellt am: 12.06.2008 Autor: Daniel Werdung Status: Bisher nicht definiert
Airbus vs. Boeing: Neue Tankerflugzeuge für die US-Luftwaffe
In wenigen Tagen wird in den USA und in Europa eine richtungsweisende Entscheidung sowohl im Bereich der Rüstungsindustrie als auch im Bereich der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen erwartet. Diese Entscheidung könnte der Anfang vom Ende der „Festung“ amerikanischer Verteidigungsmarkt bedeuten.
Am 29. Februar 2008 vergab die U.S. Air Force einen Beschaffungsauftrag für 179 Tankflugzeuge an das amerikanische Rüstungsunternehmen Northrop Grumman. Dieser Auftrag hat ein Volumen von 35 Milliarden US-Dollar und ist der erste von insgesamt dreien, welche die Beschaffung von 600 Flugzeugen im Wert von 100 Milliarden US-Dollar über einen Zeitraum von 30 Jahren umfassen.
Die bislang von der US-Luftwaffe benutzten Tankflugzeuge KC-10 und KC-135 der Marke Boeing wurden erstmals 1957 bzw. 1981 in Dienst gestellt und sind daher technisch deutlich veraltet. Der Zuschlag des Pentagons an Northrop Grumman ist gleichermaßen bedeutsam und überraschend, wird das Flugzeug doch unter maßgeblicher Beteiligung des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS auf Basis des Airbus A330 entwickelt und gefertigt. Erstmalig wurde so der wichtigste und einflussreichste US-Konkurrent Boeing in seinem Heimatland aus dem Feld geschlagen – ein Novum in der amerikanischen Rüstungspolitik.
Vorgeschichte
Schon im Vorfeld sorgte dieses Beschaffungsprojekt des Pentagons für politischen Wirbel und wurde im Jahr 2004 bereits einmal ausgesetzt, nachdem die Bestechung ranghoher Pentagon-Mitarbeiter durch Boeing ruchbar geworden war, das zum damaligen Zeitpunkt als einziges Unternehmen mit der Luftwaffe in Verhandlungen stand. Federführend bei der Aufdeckung des Korruptionsskandals war der jetzige republikanische Präsidentschaftskandidat Senator John McCain aus Arizona. Im April 2006 nun wurde der Beschaffungsprozess wieder in Gang gesetzt. Diesmal bekam Boeing Konkurrenz durch das transatlantische Konsortium von Northrop Grumman und EADS.
Ein Jahr später reichten Boeing und Northrop/EADS ihre Angebote für die angeforderten Tankflugzeuge ein – beide mit der Zusage, diese in den USA zu fertigen. Boeing beabsichtigt den Bau seiner Boeing KC-767 an Standorten in Kansas und im Bundesstaat Washington, Northrop/EADS hingegen plant die Fertigung seines Airbus KC-45 in Mobile, Alabama.
Vergabekriterien
Zu Beginn des Verfahrens postulierte die U.S. Air Force fünf Vergabekriterien: Missionsfähigkeit, Projektrisiko, bisherige Erfüllung von Aufträgen sowie Kosten und Leistungsfähigkeit des Betankungssystems. Northrop/EADS konnte Boeing in vier Bereichen hinter sich lassen. Nur bei der Evaluierung des Projektrisikos vermochte Boeing gleichzuziehen. Besonders die Kriterien Missionsfähigkeit und Kosten waren für das Militär ausschlaggebend. Demnach bietet der KC-45 eine größere Transportkapazität, sowohl für Treibstoff als auch für Material und Truppen, zu einem niedrigeren Preis als das Konkurrenzflugzeug von Boeing.
Heftige Gegenreaktionen
Der überraschende Zuschlag für Northrop/EADS führte zu heftigen Reaktionen im amerikanischen Kongress. Immerhin brach diese Entscheidung ein fast 50-jähriges Monopol von Boeing bei der Entwicklung und Auslieferung von Flugzeugen für die U.S. Air Force. Besonders heftig waren die parteiübergreifenden Reaktionen bei Kongressabgeordneten aus den Bundesstaaten Washington, Kansas und Kalifornien, wo Boeing eine starke Präsenz aufweist. In einer Sitzung des Appropriations Committee, welches für die Vergabe von Geldern für Rüstungsaufträge zuständig ist, wurde die Entscheidung über die Parteigrenzen hinweg bedauert und kritisiert. Norm Dicks (D-WA) und Todd Tiahrt (R-KS) bezeichneten die Pentagon-Entscheidung unter sicherheitspolitischen und ökonomischen Gesichtspunkten als fatal für die Vereinigten Staaten. Sie werfen Northrop/EADS vor, ihr Tankflugzeug nur auf Grund staatlicher europäischer Subventionen günstiger anbieten zu können als der amerikanische Konkurrent Boeing. Darüber hinaus habe die Air Force während des komplizierten Vergabeverfahrens ihre Kriterien zugunsten von Northrop/EADS abgeändert. Letztendlich sei das Verfahren alles andere als „transparent and fair“ verlaufen, so die harsche Kritik. Auch wirft die Entscheidung der Air Force Fragen bezüglich des „Buy America Acts“ auf, der bei sämtlichen öffentlichen Aufträgen der heimischen Industrie Vorrang einräumt. Zwar wurden laut US-Luftwaffe alle Abwägungen im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben getroffen, doch lässt die Vergabe des Rüstungsauftrages an ein nicht rein amerikanisches Konsortium die Frage zu, ob der „Buy America Act“ noch zeitgemäß oder den wirtschaftlichen Realitäten der Globalisierung anzupassen ist. So wurde bereits 1996 die im Gesetz definierte „rüstungsindustrielle Basis“ um zahlreiche europäische Staaten erweitert und Rüstungsgüter aus Deutschland, Spanien, Großbritannien sowie weiterer EU-Staaten amerikanischen Produkten gleichgestellt.
Boeing legte kurz nach der Entscheidung des Pentagons Einspruch gegen die Vergabe beim Government Accountability Office (GAO) ein. Das GAO ist der unabhängige „investigative Arm“ des US-Kongresses. Dieses hat nun 100 Tage Zeit, die Vorwürfe zu prüfen und gegebenenfalls eine Neuausschreibung des Rüstungsauftrags zu empfehlen. Die GAO-Empfehlung, welche bis zum 19. Juni 2008 erwartet wird, ist nicht bindend. Doch das Pentagon und zahlreiche, bislang neutrale Demokraten und Republikaner auf dem Capitol Hill haben bereits angekündigt, den GAO-Empfehlungen folgen zu wollen. Folglich ist der GAO-Bericht für den Ausgang des gesamten Vergabeverfahrens Boeing vs. Airbus von richtungweisender Bedeutung.
Drei Entscheidungsszenarien des GAO sind denkbar: 1) Feststellung, dass Vergabe- und Auswahlverfahren des Pentagons fair und transparent abgelaufen sind; 2) Beanstandung einzelner Bestandteile der Auftragsvergabe; für diesen Fall ist entscheidend, welche Bestandteile des Vergabeprozesses gerügt werden, und es liegt bei der Air Force, darauf zu reagieren. 3) Verurteilung des gesamten Vergabeverfahrens, was zu einer kompletten Neuausschreibung des Auftrages führen könnte. Dies würde allerdings bedeuten, dass die amerikanische Luftwaffe weitere Jahre auf neue Tankflugzeuge warten müsste. Eine unbefriedigende Situation für die Air Force mit womöglich katastrophalen Folgen wäre das Resultat angesichts des hohen Alters der derzeitig eingesetzten Flugzeuge. Beobachter und Experten erwarten allerdings, dass dem Einspruch von Boeing nicht stattgegeben und es daher zum Bau der 179 Tankflugzeuge durch Northrop/EADS kommen wird.
Der GAO-Bericht und potentielle Folgen
Zwischenzeitlich rechnen offenbar beide Rüstungskonzerne mit einer Billigung durch die GAO. So ist darüber in Washington eine regelrechte PR-Schlacht entbrannt. Sowohl Boeing als auch Northrop/EADS haben namhafte PR-Agenturen mit Kampagnen zu ihrer jeweiligen Position beauftragt. Seitengroße Anzeigen in Tageszeitungen werden geschaltet, einflussreiche Think Tanks von Lobbyisten beider Konzerne besucht und Internetseiten mit Informationsmaterialien und Blogs eingerichtet.
Adressaten dieser PR-Kampagnen sind vor allem jene Kongressabgeordneten, die im Falle einer Abweisung der Boeing-Beschwerde durch die GAO die Gelder für den Rüstungsauftrag letztendlich genehmigen müssen. Hauptargumente von Northrop/EADS sind die geringeren Kosten und die höheren Leistungskapazitäten ihrer Flugzeuge. Dies versucht Boeing mit dem Hinweis zu kontern, dass Northrop/EADS über keine Erfahrung im Bau von Tankflugzeugen verfüge. Überdies sei eine Beschaffung der Boeing KC-767 kostengünstiger, sofern man in die Berechnung die Betriebskosten mit einbeziehe. Bei einer Nutzungsdauer der Maschinen von 40-Jahren (40-year life cycle costs) könne der US-Steuerzahler insgesamt rund 50 Milliarden Dollar einsparen (KC-767: 212 Milliarden Dollar vs. KC-45: 261 Milliarden Dollar), so Boeing.
Die Prüfungsfrist für die GAO nähert sich dem Ende, und zahlreiche einflussreiche Kongressabgeordnete warten diese Entscheidung ab, bevor sie endgültig Stellung zu diesem politisch sehr kontroversen Thema beziehen. Unabhängig von GAO-Entscheidung und Reaktion durch den Kongress illustriert die Kontroverse zwei Dinge: Zum einen hat sich die US-Luft- und Raumfahrtindustrie stärker globalisiert bzw. internationalisiert; zum anderen öffnet sich der US-Rüstungsmarkt zunehmend auch für europäische (d.h. v.a. nicht-britische) Unternehmen, nachdem er diesen jahrzehntelang nahezu gänzlichst verschlossen war.







