Erstellt am: 06.05.2008 Autor: Christopher Radler Status: Bisher nicht definiert
Islamischer Fundamentalismus und Geopolitik – vom europäischen Kolonialismus bis zum globalen Dschihad
Dass der islamische Fundamentalismus im Allgemeinen und al-Qa’ida im Speziellen großen Einfluss auf die heutigen Geschehnisse im Nahen Osten haben, ist unbestritten. Wie eng aber die Verwicklungen zwischen diesen und der amerikanischen Nahostpolitik sind, ist nur Wenigen bekannt. Welche Vorläufer hat al-Qa’ida und aus welchem historischen Kontext ist sie entstanden? Wer die heutige Nahostpolitik der USA verstehen will, muss sich zwangsläufig mit diesen Fragen beschäftigen.
Europäischer Kolonialismus und 1. Weltkrieg
Die Ägyptenexpedition Napoleons 1798 stellt den Beginn des europäischen Kolonialismus in Nah- und Mittelost dar. Gleichsam sind hier die Wurzeln des modernen islamischen Fundamentalismus zu finden. In der Konfrontation mit den Franzosen, die in der Besetzung Ägyptens gipfelte, wurde den Muslimen ihre militärische Unterlegenheit schmerzhaft vor Augen geführt. Dieses Gefühl der Unterlegenheit sollte das auslösende Moment für eine nun aufkeimende Reformdebatte sein, die auch heute noch in vollem Gang ist, und sich mit der Frage beschäftigt, wie die Muslime dem Westen gegenüber so ins Hintertreffen geraten konnten.
Unter dem Eindruck des britischen Kolonialismus auf dem indischen Subkontinent entwickelte Dschamal ad-Din al-Afghani (1838-1897) seine reformatorischen Vorstellungen eines Panislam, und trat für die politische Selbstbestimmung der Muslime ein. Diese Ideen inspirierten Reformer wie seinen Schüler Muhammad Abduh (1849-1905) und dessen Schüler Raschid Rida (1865-1935), die Begründer des Salafismus[i]. Diese Bewegung forderte eine Rückbesinnung auf die idealisierte Zeit der „frommen Altvorderen“ („as-salaf as-salih“), der ersten drei Generationen der muslimischen Gemeinschaft, insbesondere die des Propheten Muhammad und seiner engsten Gefährten (Sahaba), als der Islam noch rein und unverfälscht war. Der Islam sollte wieder „wettbewerbsfähig“ gemacht werden, um mit den Fremdmächten konkurrieren zu können. Die Konfrontation mit den Kolonialmächten wurde vor allem auch als Konfrontation zwischen Islam und Christentum rezipiert, und so mussten sowohl Ursache als auch Lösung des Problems in der Verquickung mit der Religion zu finden sein. Da die Muslime in den Anfangstagen des Islam in kurzer Zeit sehr stark expandierten, konnte der Islam nicht per se das Problem sein, sondern das, was die Muslime im Laufe der Jahrhunderte aus ihm gemacht hatten.
Verstärkt wurde dieser Eindruck noch durch den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches, des „kranken Mannes am Bosporus“, im Zuge der Niederlage der Achsenmächte im 1. Weltkrieg und der darauf folgenden jungtürkischen Revolution osmanischer Offiziere um den Begründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938). Nach der Gründung der Republik 1923 schaffte er im Jahr danach das Kalifat ab, das zumindest nominell seit 632 n. Chr. bestanden hatte. Dies war ein Ereignis, das die muslimische Welt nachhaltig erschütterte und unter deren Eindruck der Ägypter Hasan al-Banna (1906-1949), ein Schüler Ridas, 1928 die „Gesellschaft der Muslimbrüder in Ägypten“ („Dschama’at al-Ikhwan al-Muslimin fi misr“) gründete.
Die Gesellschaft der Muslimbrüder
Al-Bannas politischer Aktionismus zielte in erster Linie auf die Unabhängigkeit von Großbritannien und die Errichtung einer islamischen Ordnung, also der Einführung der islamischen Gesetzgebung (Schari’a), in Ägypten ab. Bald kam es zu bewaffneten Aktionen gegen die Briten und nach dem Truppenabzug 1946 gegen die herrschende pro-britische Klasse.
Neben al-Banna, war es vor allem der Ägypter Saiyid Qutb (1906-1966), der, unter anderem beeinflusst von dem Indo-Pakistaner Abu ’Ala al-Maududi (1903-1979), einem Kontrahenten der britischen Kolonialpolitik in Indien, seine Programmatik entwickelte: Die Muslime befänden sich wie in vorislamischer Zeit im Zustand der „Unwissenheit“ (Dschahiliyya), in der Gott nicht die alleinige Herrschaftsgewalt innehabe. Es obliege nun einer islamischen „Avantgarde“, diesen überall in der islamischen Welt herrschenden Zustand der Unwissenheit zu beenden, den „nahen Feind“[ii] (die eigene Regierung) im äußersten Fall mittels eines „Dschihad“[iii] zu stürzen und die göttliche Herrschaftsgewalt wieder herzustellen, die in der Anwendung der Schari’a besteht. Sein 1964 erschienenes Werk „Wegzeichen“ („Ma’alim fi at-Tariq“), in dem er diese Gedanken formulierte, ist bis zum heutigen Tag ein Vademekum extremistischer Gruppierungen.[iv]
Den Höhepunkt der durch die Muslimbruderschaft initiierten terroristischen Aktivitäten in Ägypten stellte die Ermordung des damaligen Präsidenten Anwar as-Sadats durch eine Abspaltung der Organisation dar. Als Reaktion auf seinen Friedensschluss mit Israel 1979 wurde er während der Feierlichkeiten zum "Sieg" über die Israelis im „Jom-Kippur-Krieg“ im Jahre 1981 ermordet. Spiritueller Führer der Attentäter war ’Umar Abd ar-Rahman, der spätere Drahtzieher der Anschläge auf das World-Trade-Center 1993.[v] Eine direkte Teilhaberschaft konnte Ayman az-Zawahiri, derzeit Nummer zwei der Top-Terrororganisation al-Qa'ida und laut amerikanischen Geheimdiensten meistgesuchter Mann der Welt, zwar nicht nachgewiesen werden, jedoch hat auch er seine Wurzeln in der Muslimbruderschaft.
Heute bekennen sich die Muslimbrüder zum Gewaltverzicht und streben eine Re-Islamisierung „von unten“ an. Bei den letzten Parlamentswahlen konnten sie, trotz massiven Behinderungen von Seiten des Staates, in beträchtlichem Umfang Stimmen gewinnen und das herrschende Regime in Bedrängnis bringen.[vi] Außerdem bekennen sie sich inzwischen ausdrücklich zu Demokratie und Pluralismus.[vii] Ob dieses Bekenntnis ernst zu nehmen ist, bleibt fraglich. Die Einbeziehung islamistischer Akteure ist jedoch nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt, wie die Beispiele Algerien und Marokko zeigen.
Verfolgung und Emigration
Die für die Verbreitung ihres radikalen Gedankenguts entscheidenden Ereignisse setzten jedoch schon früher ein: Nach dem Sturz der Monarchie im Jahre 1952 und der Machtübernahme der „Freien Offiziere“ um den späteren Präsidenten Gamal Abdel Nasser, fühlte man sich von den Muslimbrüdern, in der Machtausübung bedroht, da sie mittlerweile eine Massenbewegung mit 500.000 Mitgliedern geworden waren, und verbot sie. Auch wenn sie zwischenzeitlich immer wieder legalisiert wurden, blieb die allgemeine Tendenz zu Repression und Verfolgung bestehen. 1965 kam es zu massiven Verhaftungswellen und Hinrichtungen, denen auch Saiyid Qutb zum Opfer fiel und schließlich 1966 gehängt wurde.
Vor diesem Hintergrund, emigrierten viele Muslimbrüder in mehreren Wellen in andere islamische Staaten und gründeten dort Zweigstellen der Muslimbruderschaft, z.B. auch in Palästina, wo die momentan im Gazastreifen regierende und international geächtete Hamas („al-Muqawama al-islamiyya“, „Islamische Widerstandsbewegung“), sich aus der Bruderschaft entwickelte. Nach eigener Aussage der Bruderschaft, besitzt sie heute Zweigstellen in 70 Ländern, darunter auch in Deutschland, wo Muhammad Mahdi ’Akif, der momentan „oberste Führer“ („al-Murschid al-’Amm“) der Muslimbruderschaft, bis zu seiner Ernennung aktiv war.
Ein Teil der Muslimbrüder flüchtete jedoch nach Saudi-Arabien, wo sie von König Sa’ud aufgenommen wurden.[viii]
Die Genese Saudi-Arabiens
Die ideologischen Wurzeln des Königreichs Saudi-Arabien liegen in der Verbindung des Stammesführers Muhammad Ibn Sa’ud mit Muhammad Ibn Abd al-Wahhab. Wahhab, stark beeinflusst von Ibn Taimiyya (1263-1328), einem Damaszener Rechtsgelehrten hanbalitischer Prägung[ix], vertrat eine besonders puritanische Islamauslegung und wollte den Islam wieder zu seinen reinen Ursprüngen zurückführen. In der Verbindung mit Ibn Sa’ud sah er das geeignete Mittel, um seine fundamentalistischen Anschauungen auf der arabischen Halbinsel zu verbreiten. Zwar scheiterten mehrere Expansionsversuche, 1932 jedoch gelang dem Emir Abd al-Aziz Ibn Sa’ud II. mit Hilfe „wahhabisierter“ Stammeskrieger, den „Ikhwan“, die Staatsgründung.
Parallel zur Staatsgründung stieg Erdöl zu einem strategischen Rohstoff auf. Da Saudi-Arabien über die größten bekannten Vorkommen der Welt verfügt, geriet das Land auch schnell in den Fokus der amerikanischen Außenpolitik. Der Ölreichtum bescherte dem saudischen Staat märchenhafte Gewinne, die diesen zum klassischen Beispiel für einen Rentierstaat macht. Das privilegierte Leben der herrschenden Elite schuf eine absurde Situation: klassische Berufe spielten keine Rolle mehr, Arbeit galt als nicht standesgemäß. Gefragt war religiöse Bildung, die auch heute nach wie vor in der arabischen Welt als "schick" gilt und von den Wahhabiten selbstverständlich begrüßt wurde. Die Nachfrage nach religiösem Lehrpersonal überstieg schnell das Angebot; eine Lücke, die die aus Ägypten geflüchteten Muslimbrüder schließen konnten.
Ausbreitung und Widersprüche
So lehrte beispielsweise Muhammad Qutb, Saiyid Qutbs jüngerer Bruder, nach seiner Flucht aus Ägypten als Dozent an der König-Abd-el-Aziz-Universität in Saudi-Arabien die fundamentalistischen Anschauungen seines Bruders. Zu seinen Studenten gehörte auch Usama bin Ladin, der Sohn eines schwerreichen saudischen Bauunternehmers.[x] Die Ideologie der Muslimbrüder verband sich auf diese Art mit der Weltanschauung der Wahhabiten und schuf den Nährboden für spätere extremistische Gruppierungen wie al-Qa’ida.
Dass die Widersprüche im Inneren des Königreiches immer größer wurden, wurde – ob bewusst oder unbewusst – nicht wahrgenommen. Herrscherkaste und religiöses Establishment lebten in Symbiose: Der Staat finanzierte den Radikalislam der Wahhabiten und unterstützte islamische Wohltätigkeitsorganisationen, die ihn über die Grenzen Saudi-Arabiens hinaus verbreiten.[xi] Im Gegenzug sahen die „Ulama“ (religiöse Rechtsgelehrte) über den nicht sehr islamischen Lebenswandel des Herrscherhauses hinweg und legitimierten die Politik des Herrscherhauses durch „fatawa“ (Plural von fatwa: „religiöses Rechtsgutachten“).[xii]
Das Jahr 1979
Zu einem Schicksalsjahr sollte das Jahr 1979 werden. Unter den Eindrücken der islamischen Revolution in Iran, die bis dato den ersten geglückten Versuch einer islamischen Machtübernahme „von oben“ darstellte, und in chiliastischer Erwartung eines neuen Zeitalters, kam es im November des gleichen Jahres zu einem folgenschweren Vorfall. Mehrere hundert bewaffnete fundamentalistische Aktivisten besetzten am Neujahrstag des islamischen Jahres 1400 die große Moschee in Mekka, verlangten einen Lieferstopp saudischen Erdöls an die USA und riefen zum Sturz des Königshauses auf. Nur mit Müh und Not, und unter Hinzuziehung französischer Spezialeinheiten, gelang es nach drei Wochen die Moschee zurückzuerobern und den Status quo ante wieder herzustellen.[xiii]
Dies ist der Moment, in dem der herrschenden Klasse die innergesellschaftliche Kluft schmerzhaft vor Augen geführt wird, für deren Entstehung in erster Linie sie selbst verantwortlich sind. Die Lösung des Problems ist schnell gefunden und höchst modern: sie betreiben "Outsourcing" und ermutigen die radikalen Elemente am „heiligen Krieg“ gegen die "gottlosen" Kommunisten teilzunehmen, die gegen Ende des Jahres in Afghanistan einmarschieren sollten.[xiv]
Dschihad in Afghanistan
Abdullah Azzam, Anführer der Muslimbrüder in Jordanien, der ebenfalls vorher in Saudi-Arabien unterrichtete,[xv] begann ab 1984 gemeinsam mit seinem anfänglichen Schüler Bin Ladin, von Pakistan aus um Unterstützung für den Dschihad gegen die Russen in Afghanistan zu werben.
Irgendwann nach 1984 bezogen Azzam und Bin Ladin ihr Lager direkt in Afghanistan und koordinierten von dort aus den heiligen Krieg. Unterstützung erhielten sie mittlerweile von allen Seiten: Von der bereits angeführten, finanziellen Unterstützung Saudi-Arabiens abgesehen, vor allem von den USA und dem pakistanischen Geheimdienst ISI (Inter Services Intelligence), der seit den Tagen der islamistisch angehauchten Militärdiktatur von General Zia ul Haqq in den Siebzigern, von Fundamentalisten unterwandert war. Die Amerikaner lieferten vor allem neueste Militärtechnologie in Form von Stinger Boden-Luft-Raketen. Dies verschaffte den Mudschahidin den entscheidenden Vorteil gegen die Sowjets, die den Mudschahidin[xvi] mit ihren Kampfhubschraubern im zerklüfteten Bergland Afghanistans lange überlegen waren. Die Pakistaner lieferten, vor allem über die Vermittlung der CIA, strategische Informationen.[xvii]
Seines ehemaligen Mentors aber bald überdrüssig geworden, betrieb Bin Ladin ab 1988 den Aufbau einer unabhängigen Gruppe, die nicht mehr dem Kommando der Afghanen unterstellt war. Die dort geschaffenen Strukturen werden später als jene Organisation bekannt, die ein wahrer Exportschlager werden wird: al-Qa’ida („die Basis“, umgangssprachlich auch „Toilette“[xviii]).
Die Organisation selbst hat sich nie so bezeichnet; viel eher müsste man von einer „Bin Ladin-Gruppe“ sprechen. Al-Qa’ida war ein Begriff, den Azzam 1988 prägte, als er in der Zeitschrift „al-Dschihad“ zur Gründung einer „soliden Basis“ („al-Qa’ida as-Sulba“) aufrief.[xix] Andererseits, je nach Quelle, war er der Name des Gästehauses in Peschawar, in dem die angereisten Mudschahidin untergebracht wurden, bevor sie nach Afghanistan geschleust wurden, bzw. die Liste, auf der die „Gotteskrieger“ vermerkt wurden, um besorgten Müttern Auskunft über den Verbleib ihrer Söhne geben zu können.
Der Aufstieg al-Qa’idas
Allein auf der Liste Bin Ladins sollen sich zwischen 20.000 und 30.000 Personen befunden haben. Nach Auskunft des ISI haben bis zu 80.000 Mudschahidin die pakistanischen Ausbildungslager durchlaufen.[xx] Als sich die sowjetische Besatzungsarmee 1989 aus Afghanistan zurückzog, war der Teil dieser Kämpfer, der nicht in seine Heimatländer zurückkehrte, plötzlich arbeitslos. Mit neuem Selbstbewusstsein ausgestattet - man hatte immerhin eine Supermacht zu Fall gebracht - wurden neue Betätigungsfelder im Kampf gegen die Ungläubigen gesucht. Viele dieser Kämpfer tauchten in diversen Konflikten wieder auf: in Algerien, Bosnien, den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken, China oder den Philippinen, um nur einige Beispiele zu nennen.[xxi] Finanziert wurden diese Aktivitäten zu einem großen Teil aus Spendengeldern, die oft aus Saudi-Arabien kamen, teilweise über den Umweg über so genannte „Hilfsorganisationen“, teilweise von Privatpersonen, die oft genug dem Herrscherhaus angehören.[xxii]
Ein Teil dieser Kämpfer verdiente sich weiterhin in der Organisation Bin Ladins und machte mit mehr oder minder spektakulären Anschlägen von sich reden. 1998 gibt Bin Ladin die Gründung der „Internationalen Islamischen Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzritter“ („al-Dschabha al-islamiyya ad-duwaliyya li al-Dschihad didd al-Yahud wa as-Salibiyyin“), in einem Manifest al-Qa’idas, bekannt. In ihm heißt es: „Die Tötung der Amerikaner und ihrer Verbündeten ist persönliche Pflicht jedes Muslims“.[xxiii] Mit diesem panislamischen Appell wollte Bin Ladin die zerstrittene muslimische Welt zum Kampf gegen den Westen und Israel vereinen. Dafür führt er vier Gründe an: 1. Die US-militärische Präsenz in Saudi-Arabien, 2. Die Unterstützung der USA für Israel, 3. Die Besetzung Jerusalems durch Israel und 4. Die politische Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung aller arabischen Staaten durch die USA.[xxiv] Diese Gründe beziehen sich vor allem auf zwei Ereignisse: erstens auf den ungelösten Nahostkonflikt, der seit dem „Sechs-Tage-Krieg“ 1967 und der damit verbundenen völkerrechtswidrigen Besetzung Ostjerusalems durch Israel, insgesamt eine Radikalisierung der islamischen Welt ausgelöst hat und einen Katalysator darstellt. Zweitens auf die Stationierung amerikanischer Truppenverbände im Land der beiden heiligen Stätten (Mekka und Medina), der von extremen Kreisen des Landes als Sakrileg empfunden wird, da Saudi-Arabien aus muslimischer Sicht als eine einzige große Moschee gilt. Dass diese durch ausländische, in der Mehrzahl christliche Truppen verteidigt werden muss, nährt wieder die alten Minderwertigkeitskomplexe aus der Kolonialzeit, insbesondere, da Bin Ladin dem saudischen Herrscherhaus angeboten hatte diese Aufgabe zu übernehmen.[xxv]
Kurz nach Veröffentlichung des Manifests machte al-Qa’ida mit spektakulären Anschlägen von sich reden. Die Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobia (Kenia) und Dar es-Salam (Tansania) 1998, wahrscheinlich in Kooperation mit der ägyptischen Organisation „al-Dschihad al-Islami“ („Islamischer Dschihad“) unter der Leitung Aiman az-Zawahiris,[xxvi] zeigen auch, wie eng die Verbindungen sind, die Bin Ladin zur Erreichung seiner Ziele zu ähnlichen islamistischen Vereinigungen weltweit unterhält.
9/11 und der „Krieg gegen den Terror“
Trotz dieser eindeutigen Zeichen, führten islamistische Terrororganisationen im Allgemeinen und al-Qa’ida im Speziellen eher ein Nischendasein in der Aufmerksamkeit der Geheimdienste. Erst die Anschläge vom 11. September 2001 auf die Zwillingstürme des World-Trade-Centers und das Pentagon, die alles Bisherige an Kalkül und Kaltblütigkeit in den Schatten stellten und mehr als 3000 Opfer forderten, sollten dies ändern.[xxvii]
In der Folge rief Bush zum „Krieg gegen den Terror“ mit der Parole „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ auf. Doch obwohl 15 der insgesamt 19 Attentäter saudische Staatsbürger waren und Saudi-Arabien mehr oder minder offensichtlich den internationalen Terrorismus ideologisch und finanziell unterstützte, kam ein militärisches Engagement in Saudi-Arabien und eine gewaltsame Änderung des politischen Systems aus drei Gründen nicht in Frage: Erstens birgt eine Systemtransformation immer Instabilität. Hätte man aus Saudi-Arabien eine Demokratie machen wollen, hätte man eine immense Verteuerung und Verknappung von Rohöl in Kauf nehmen müssen, die die amerikanische Wirtschaft teuer zu stehen gekommen wäre, was zweitens den Interessen der Erdöllobby in den USA zuwidergelaufen wäre, zu der Bush selbst gehörte. Und drittens hätte eine Invasion Saudi-Arabiens, also implizit auch der heiligen Stätten des Islam, einen Flächenbrand in der islamischen Welt auslösen können, der schnell außer Kontrolle hätte geraten können.
Man entschied sich also das Regime der Taliban (persisch: „Religionsschüler“) in Afghanistan, das Bin Ladin und seinen Getreuen Unterschlupf bot, zur ersten Station im Kampf gegen den Terror zu machen und dort einzumarschieren, auch wenn al-Qa’ida die Verantwortung für die Anschläge nie übernommen hat. Parallel zum Krieg in Afghanistan entwickelte die Bush-Administration das Konzept einer Transformation des Nahen Ostens,[xxviii] bei der sich demokratisches Sendungsbewusstsein mit handfesten ökonomischen Interessen trifft. Zum einen wäre ein prosperierender Naher Osten – Arbeitskraft aus Niedriglohnländern wie Ägypten und Syrien, Kapital aus den Golfstaaten und Know-how aus Israel – ein neuer Absatzmarkt für amerikanische Produkte, abgesehen davon, dass sich, so die Hoffnung, der Nahostkonflikt hätte lösen lassen und Bush sich einen Platz in den Geschichtsbüchern hätte sichern können. Zum anderen wollte man die Abhängigkeit von saudischem Eröl verringern. Der Einsatz der "Ölwaffe", also eines Förderstopps von Erdöl, durch die arabischen Staaten während des „Jom-Kippur-Krieges“, bei dem die Vereinigten Staaten Israel vorbehaltlos unterstützten, führte Amerika seine Abhängigkeit vom Erdöl deutlich vor Augen und kann als Zäsur der amerikanischen Nahostpolitik verstanden werden. Zwar war man nicht vom Rohöl selbst abhängig, da Amerika nur ca. 14% seines Bedarfs von dort bezieht,[xxix] sehr wohl aber von den Auswirkungen auf den Marktpreis. Denn über Saudi-Arabien schwebte das Damoklesschwert des Umsturzes. Im Inneren rief al-Qa’ida zum Sturz des Herrscherhauses auf: In ihren Augen war das saudische Herrscherhaus vom Glauben abgefallen. Sie sprachen die Exkommunikation („Takfir“)[xxx] aus. Außerdem fürchtete man sich vor einem Überschwappen der iranischen Revolution, da der Osten Saudi-Arabiens, wie Iran überwiegend schiitisch[xxxi] geprägt ist. Dort liegen aber die bedeutenden Erdölvorkommen und die Förderungsinfrastruktur ist sehr anfällig für Sabotage oder Terroranschläge. Da die schiitische Minderheit unter starken Repressalien seitens der sunnitischen Mehrheit zu leiden hat, ist die Angst vor einer Abspaltung nicht aus der Luft gegriffen.
Afghanistan war für die USA also die ideale Durchgangsstation für eine Pipeline von den Zentralasiatischen Republiken aus in stabile verbündete Staaten. Iran, als alternative Route, fiel aus nahe liegenden Gründen aus. Dies war aber erst der Auftakt. Nächste Station war der Irak. Er besitzt die zweitgrößten Erdölreserven der Welt. Ein verbündeter, von den Vereinigten Staaten abhängiger Irak bietet relative Unabhängigkeit vom saudischen Öl. Aus Angst vor einer Eskalation der Lage im Inneren, entschied sich die saudische Führung jedoch, den Amerikanern die Benutzung der Militärbasen als Aufmarschgebiet für den Krieg, zu verbieten.
Nach dem Irak
Das Sadamregime war schnell besiegt, die Befriedung des Irak erweist sich jedoch nach wie vor als schwierig. Die amerikanische Armee ist auf den asymmetrischen Krieg im Irak nicht vorbereitet und tut sich schwer mit der Implementierung neuer Strategien. Auch fällt es ihnen schwer, die einheimische Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Zu groß sind die Verfehlungen der Amerikaner in Abu Gharib (Abu Ghraib) und Guantánamo und die Versäumnisse im zivilen Wiederaufbau. So werden die Amerikaner eher als neue Kolonialherren, denn als Befreier wahrgenommen.
Wäre der Krieg im Irak für die Amerikaner besser gelaufen, so wäre Iran der nächste Punkt auf dem Wunschzettel der Neokonservativen Falken in Washington gewesen. Der Versuch Iran durch die UNO in seine Schranken zu weisen, wird durch einen Reigen an Vetos von Russland und China im Sicherheitsrat blockiert. Diese Apeasementpolitik gegenüber Iran kommt auch aus einer Angst vor dem Überschwappen der Revolution zustande. China unterdrückt die Religionsausübung seiner mehr als 100 Millionen Muslime fassenden Bevölkerung ebenso, wie die Sowjetunion dies seinerzeit tat. Dort, auf dem Gebiet der ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken, tobt relativ unbemerkt, weil überschattet von den Ereignissen im Irak, ein Dschihad für die Errichtung eines islamischen Staates, in dem sich die letzten Afghanistanveteranen ihr Gnadenbrot verdienen.[xxxii]
Die zunehmende Bedeutung dieses Gebiets könnte zu einem neuen „Great Game“ und einem Wettlauf um die exorbitanten Erdöl und -gasreserven in der kaspischen Region führen, weswegen alle involvierten Parteien sich möglichst großen Einfluss in dieser Region sichern wollen. In Afghanistan als Anrainerstaat sind die Taliban wieder auf dem Vormarsch und der Schlafmohnanbau in den von ihnen kontrollierten Provinzen für 90% des weltweiten Heroinkonsums verantwortlich.[xxxiii] Durch das Engagement in Afghanistan gerät auch Deutschland ins Visier radikaler Gruppierungen und erst jüngst erfolgte eine Terrorwarnung libanesischer Geheimdienste, dass ein mit einer Tonne Sprengstoff beladener LKW über Russland unterwegs sei, um deutsche Behörden zu attackieren.[xxxiv]
Al-Qa’ida heute
Die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak, mit der der Krieg unter anderem begründet wurde, konnte nie bewiesen werden; die angeblichen Beweise dafür waren sogar gefälscht.[xxxv] Dass Sadam Husein - früher von den Vereinigten Staaten protegiert - Terroristen vom Schlage eines Bin Ladin beherbergt, galt Kennern der Szene als sehr unwahrscheinlich, da er ihnen von jeher ablehnend gegenüber stand. Ironie der Geschichte ist, dass genau dies nun der Fall ist. Der Irak ist mittlerweile das ergiebigste Rekrutierungsfeld für Terroristen weltweit und die USA sind im Begriff dort ihr zweites Vietnam zu erleben. Die angestrebte Neuordnung der Region ist gescheitert und islamistische Terrororganisationen sind weiterhin aktiv, wie nicht nur die Anschläge von Madrid und London zeigen.
Dass es oft neue, weitgehend unbekannte Organisationen sind, die sich zu Anschlägen bekennen, sich Mitglieder al-Qa’idas aber meistens zu Wort melden und sie begrüßen, verweist auf die neue Struktur des Terrors. Der Vorwurf, dass al-Qa’ida eine Erfindung des Westens sei, ist insofern richtig, als es keine homogene Organisation mit einer zentralen Führungsstruktur mehr ist. Al-Qa’ida kann heute vielmehr als global operierendes Franchise-Unternehmen mit Bin Ladin als „spiritus rector“ verstanden werden, der sich von Zeit zu Zeit in medial inszenierten Videobotschaften nach einem bestimmten Muster zu Wort meldet und seine Getreuen zu weiteren Anschlägen ermutigt.
Neuerdings ist die größte Angst, dass sich Terroristen vom Schlage eines Bin Ladins ABC-Waffen aneignen könnten. Die immer wiederkehrenden Meldungen von verschwundenem Plutonium aus sowjetischen Restbeständen, gepaart mit Berichten über die Weitergabe nuklearer Geheimnisse an Schurkenstaaten durch Abdul Qader Khan, einen pakistanischen Wissenschaftler, geben durchaus Anlass zur S
[i] Der Begriff „Salafiyya“ (Salafismus) wird heute von fast allen extremistischen Gruppierungen gebraucht, allerdings in einer Bedeutung, die mit der ursprünglichen Konzeption nur noch oberflächlich zusammenhängt und vor allem eine reaktionäre Zielrichtung hat.
[ii] In der islamischen Rechtsterminologie wird zwischen „Dar al-Islam“ („Haus des Islam“), also den Gebieten, die unter islamischer Herrschaft stehen, und „Dar al-Harb“ („Haus des Krieges“), in denen der Islam entsprechend noch nicht herrscht, unterschieden. Für Saiyid Qutb war der nahe Feind die eigene Regierung. Bevor man den „fernen Feind“, die nicht unter muslimischer Oberhoheit stehenden Gebiete, bekämpfen könne, sei erst der nahe Feind zu überwinden.
[iii] Unter Dschihad (wörtl.: Anstrengung, Kampf) versteht man zweierlei und unterscheidet zwischen „kleinem“ und „großem“ Dschihad. Der kleine Dschihad ist der Kampf gegen äußere Feinde zum Schutz des Islam und kann auch mit „heiliger Krieg“ übersetzt werden. Der „große“ Dschihad ist der Kampf gegen das eigene Selbst, um ein moralischerer und besserer Mensch zu werden.
[iv] Susanne Enderwitz, unveröffentlichtes Vortragsmanuskript, Heidelberg 2007.
[v] MIPT Terrorism Knowledge Base (http://www.tkb.org/KeyLeader.jsp?memID=5651) (21.01.2008, 14.11 Uhr).
[vi] Für eine ausführliche Darstellung der Ereignisse bei den Wahlen vgl. Christopher Radler: Ägypten nach den Parlamentswahlen – Ausblick und Evaluation, DIAS-Kommentar, Düsseldorf Juni 2006 (http://www2.dias-online.org/direktorien/ne_africa/061011_50) (21.01.2008, 14.13 Uhr).
[vii] Aus dem Wahlprogramm der Muslimbrüder für die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen 2005/06 (http://www.ikhwanweb.com/Article.asp?ID=811&SectionID=76) (21.01.2008, 14.16 Uhr).
[viii] Dore Gold: Saudi Arabia's Dubious Denials of Involvement in International Terrorism, Jerusalem Center for Public Affairs, No. 504 (2003) (www.jcpa.org/jl/vp504.htm) (21.01.2008, 14.23 Uhr).
[ix] Eine der vier orthodoxen Rechtsschulen im Islam, die sich durch besonderen Konservatismus auszeichnet.
[x] Dore Gold: Saudi Arabia's Dubious Denials of Involvement in International Terrorism, Jerusalem Center for Public Affairs, No. 504 (2003) (www.jcpa.org/jl/vp504.htm) (21.01.2008, 14.23 Uhr).
[xi] Ebd.
[xii] Guido Steinberg: Islamistische Opposition in Saudi-Arabien: Eine Spurensuche im Lande Usama Bin Ladins, (http://www.antimilitarismus-information.de/ami_homepage/ami_archiv/2001/10-01/pdf10-01/8-saudi-neu-10-01.PDF) (21.01.2008, 14.32 Uhr); vgl. zum saudischen Rechtssystem auch: www2.amnesty.de/internet/deall.nsf/4a40762454ca7cc3c1256b6100403afd/cc32fb6afe1bc792c1256aa00045d586; (21.01.2008, 14.32 Uhr).
[xiii] Sherifa Zuhur: Saudi Arabia: Islamic Threat, Political Reform, and the Global War on Terror, 2005 (http://www.strategicstudiesinstitute.army.mil/pdffiles/PUB598.pdf) (21.01.2008, 14.35 Uhr).
[xiv] Arnold Hottinger: Saudi-Arabien vor neuen Gefahren: Eine feudale Dynastie zwischen Mekka und Amerika, in: Zürcher Beiträge zur Sicherheitspolitik und Konfliktforschung, Nr. 65, Zürich 2002 (http://se2.isn.ch/serviceengine/FileContent?serviceID=ISFPub&fileid=F3167A24-A266-975F-817B-FCE108A27569&lng=de) (21.01.2008, 14.33 Uhr).
[xv] Dore Gold: Saudi Arabia's Dubious Denials of Involvement in International Terrorism, Jerusalem Center for Public Affairs, No. 504 (2003) (www.jcpa.org/jl/vp504.htm) (21.01.2008, 14.23 Uhr).
[xvi] Mudschahid, pl. Mudschahidin, lässt sich mit „heiliger Krieger“ übersetzen. Das Wort leitet sich etymologisch von der gleichen Wurzel ab wie „Dschihad“.
[xvii] Ahmed Rashid: Pakistan, Afghanistan and the Gulf, MERIP Middle East Report, Nr. 48 (1987).
[xviii] Matthias Bröckers: Ana raicha Al Qaeda, 14.07.2004 (http://www.heise.de/tp/r4/html/result.xhtml?url=/tp/r4/artikel/17/17861/1.html&words=ANA%20raicha&
T=ana%20raicha) (21.01.2008, 14.35 Uhr).
[xix] www.intelligence.org.il/eng/sib/11_04/legacy.htm (21.01.2008, 14.40 Uhr).
[xx] www.sovietsdefeatinafghanistan.com/beartrap/german/10.htm (21.01.2008, 14.41 Uhr).
[xxi] Roland Jacquard: Die Akte Osama bin Laden, München 2001, S.84.
[xxii] Dore Gold: Saudi Arabia's Dubious Denials of Involvement in International Terrorism, Jerusalem Center for Public Affairs, No. 504 (2003) (www.jcpa.org/jl/vp504.htm) (21.01.2008, 14.23 Uhr).
[xxiii] www.studiengesellschaft-friedensforschung.de/da_46.htm (21.01.2008, 14.42 Uhr).






