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DIAS Schriftenreihe: Völkerrechtliche Stellung von internationalen Terrororganisationen

RR Dr. Chris Seeger
Die unilaterale humanitäre Intervention im System des Völkerrechts
2009, 438 S., ISBN 978-3-8329-5081-1
(Düsseldorfer Schriften zu Internationaler Politik und Völkerrecht, Bd. 8)

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Erstellt am: 18.03.2008 Autor: Dr. Christian Wipperfürth Status: Senior

Bevölkerungsentwicklung in langer Sicht: Mittel- und langfristige Konsequenzen

1. Skizzierung der Bevölkerungsentwicklung in langer Sicht.

Ende des 18. Jahrhunderts setzte in Europa ein historisch beispielloses Bevölkerungswachstum ein. Der Kontinent war der Schauplatz der ersten Bevölkerungsexplosion in der Geschichte der Menschheit. Die Einwohnerzahl zwischen dem Atlantik und dem Ural wuchs jährlich um 0,7%, in Deutschland um etwa 1%. Die Zahl der Europäer verdoppelte sich im 19. Jahrhundert und die Einwohnerzahl Deutschlands verdreifachte sich sogar fast. Der Anteil Europas an der Weltbevölkerung stieg in diesem Jahrhundert von etwa 20% auf 25% an. Der Anteil Deutschlands an der Weltbevölkerung wuchs relativ betrachtet noch rascher: Von etwa 2,5% am Ende des 18. Jahrhunderts auf fast 4% zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Im 20. Jahrhundert forderten die beiden Weltriege Millionen Menschenleben. Zudem sank die Kinderzahl. Mitte des 19. Jahrhunderts brachte eine Frau in Deutschland durchschnittlich etwa fünf Kinder zur Welt, am Vorabend des 1. Weltkrieges waren es immerhin noch vier. Auf dem europäischen Kontinent halbierte ungefähr sich diese Zahl im Verlauf dem folgenden zwei Generationen, auf anderen Kontinenten blieb das vor- oder frühindustrielle Reproduktionsmuster mit zahlreichen Kindern jedoch unverändert erhalten.
Dies führte zu einem Bevölkerungsanstieg, der die europäischen Raten des 19. Jahrhunderts weit überstieg, da die Sterblichkeit in einem historisch beispiellosen Maße gesenkt werden konnte. Kostengünstige Maßnahmen zur Erhaltung oder Herstellung der Gesundheit, wie Impfungen oder Medikamente, senkten die Kindersterblichkeit im Verlauf des 20. Jahrhunderts auch in den ärmsten Ländern auf ein Niveau, dass unter demjenigen Deutschlands vor 100 Jahren liegt. Die Folge sind sehr hohe Wachstumsraten der Bevölkerung. Diejenige Afrikas wuchs beispielsweise zwischen 1950 und dem Jahre 2000 um fast 2,7% jährlich. Dies bedeutet eine Verdoppelung in etwa 27 Jahren und eine Vervierfachung in 54 Jahren. Zum Vergleich: Deutschland hat für die Verdreifachung seiner Bevölkerung zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts etwa 130 Jahre benötigt.

Im 20. Jahrhundert verminderte sich der Anteil Europas an der Weltbevölkerung auf derzeit nur noch etwa 11%. Ein weiterer deutlicher Rückgang ist abzusehen. Der Anteil Deutschlands an der Weltbevölkerung beträgt zur Zeit etwa 1,3%, derjenige Lateinamerikas 8%. Noch vor etwa 100 Jahren zählte Deutschland fast ebenso viele Einwohner wie ganz Lateinamerika.

2. Die gegenwärtige Situation und ein Ausblick

1965 wurden in Deutschland (BRD und DDR) 1,325 Mio. Kinder geboren, 2006 waren es nur etwa halb so viel. Die Geburtenzahlen sind seit 30 Jahren so niedrig, das die Bevölkerungszahl Deutschlands rechnerisch mit jeder Generation um etwa ein Drittel sinken müsste. Bislang wurden die niedrigen Geburtenzahlen durch die steigende Lebenserwartung und eine zwar deutlich schwankende, im Durchschnitt jedoch starke Zuwanderung ausgeglichen, sodass sich die Zahl der Einwohner Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten kaum veränderte. In Zukunft jedoch werden die Kinderzahlen noch weiter zurückgehen, da die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre aus dem Reproduktionsalter herauswachsen. In zahlreichen anderen europäischen Ländern, wie etwa in Russland, Italien, Spanien oder Polen, sowie in Japan, bewegt sich die Fertilität mittlerweile auf einem Niveau, das dem deutschen vergleichbar ist.

Die Bevölkerungsentwicklung einzelner Staaten oder Regionen kann durch nicht vorherzusehende Entwicklungen beeinflusst werden. Hierzu zählt beispielsweise der Transformationsschock in den Ländern Ostmittel- und Osteuropas oder die sehr hohe Opferzahl, die AIDS in einigen Ländern des südlichen Afrika fordert. Zudem ist nur schwer vorauszusagen, wie sich die Zahlen der Auswanderer oder Einwanderer entwickeln werden. Bei den Szenarien für Deutschland geht man von entweder 100.000 oder 200.000 Zuwanderern jährlich aus.

Von diesen Sonderfaktoren abgesehen sind Voraussagen über die Bevölkerungsentwicklung jedoch in einem gewissen Toleranzrahmen sehr zuverlässig. Denn zum einen sind diejenigen, die in 20 oder 30 Jahren die Lasten und Freuden der Elternschaft tragen werden bereits geboren. Zum anderen ändern sich Reproduktionsmuster nur langsam, was Prognosen ebenfalls erleichtert. In der „Bevölkerungsvorausberechnung“ des Statistischen Bundesamtes wird die Einwohnerzahl Deutschlands für das Jahr 2050 auf 69 bis 74 Mio. Menschen geschätzt. Dies bedeutet, dass die Einwohnerzahl Deutschlands, die gegenwärtig etwa 82 Mio. Menschen beträgt, um 10% bis 15% sinken wird.

Die Vereinten Nationen halten es nach jüngsten Prognosen für wahrscheinlich, dass die Geburtenzahl je Frau bis Mitte dieses Jahrhunderts unter das Reproduktionsniveau fallen wird. - Rechnerisch muss eine Frau 2,1 Kinder gebären, damit die Bevölkerungszahl stabil bleiben kann. - Dies bedeutet, dass die Weltbevölkerung, nach einer Verzögerung von etwa einer Generation, ab Ende dieses Jahrhunderts beginnen wird zu sinken, allerdings mit beträchtlichen regionalen Unterschieden.

In den meisten Länder der nördlichen Hemisphäre, insbesondere in Europa, wird die Bevölkerung in diesem Jahrhundert aller Voraussicht nach deutlich zurückgehen. In einer ganzen Reihe von Ländern des Südens wird das bisher starke Bevölkerungswachstum zum Stillstand kommen. Dies betrifft Staaten, die aufgrund ihres Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahrzehnte in die Länder mit einem mittleren Einkommensniveau hineingewachsen sind, wie beispielsweise Thailand oder Länder Lateinamerikas. China gehört bislang noch nicht zu dieser Kategorie Es zeigt aufgrund seiner rigiden Politik der Einschränkung von Geburten jedoch ähnliche Symptome eines deutlich nachlassenden Bevölkerungswachstums und einer im Durchschnitt stark alternden Bevölkerung. Insbesondere in den ärmsten Ländern sowie in der arabischen Welt bleibt die Fertilität jedoch sehr hoch.

Die Bevölkerungsvoraussagen der UNO haben sich in der Vergangenheit als sehr zuverlässig herausgestellt. In den 1950er Jahren wurde die Weltbevölkerung für das Jahr 2000 mit einer Abweichung von lediglich 50 Millionen Menschen richtig prognostiziert.

3. Herausforderungen für die deutsche Politik und Gesellschaft im Innern

Ich möchte mich auf fünf Themen beschränken, zahlreiche weitere könnten noch benannt werden:

-    Der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung steigt, derjenige im erwerbsfähigen Alter stagniert derzeit und wird in Zukunft deutlich sinken. Dies wirft Probleme für die Alterssicherung auf, die auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern diskutiert werden. Mitte dieses Jahrhunderts wird es sehr wahrscheinlich doppelt so viele 66jährige in Deutschland geben wie Menschen in ihrem ersten Lebensjahr. Es wird nur etwa halb soviel Menschen unter 20 Jahren geben wie Menschen über 65.

-    Einige deutsche Regionen sind bereits jetzt von einem starken Bevölkerungsrückgang betroffen, der sich in Zukunft weiter fortsetzen wird. Das Bundesland Sachsen hat derzeit etwa 15% weniger Einwohner als im Jahre 1990. Bis zum Jahre 2050 wird ein weiterer Rückgang von 30% vorausgesagt, während die gesamte Einwohnerzahl Deutschland sehr wahrscheinlich nur um 10% bis 15% schrumpfen wird. Einen prozentual ähnlichen starken Rückgang der Bevölkerung, wie er einigen Regionen Ostdeutschlands bevorsteht, hatte es in Deutschland zuletzt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges gegeben, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

-    Im Jahre 2050 werden in Deutschland etwa doppelt so viele Menschen leben wie derzeit, die ihr 80. Lebensjahr überschritten haben. Betagte und gebrechliche Menschen werden in Zukunft einen deutlich höheren Anteil an der Bevölkerung stellen. Sie bedürfen intensiverer medizinischer Betreuung als Jüngere und zu einem hohen Prozentsatz der Pflege. Demzufolge muss mit deutlich steigenden Gesundheits- und Pflegekosten gerechnet werden.

-    Zuwanderer der ersten und zweiten Generation werden in Zukunft einen noch höheren und wachsenden Anteil an der Bevölkerung Deutschlands stellen. Es erfordert eine kluge Mischung aus Toleranz und Festigkeit, damit Integration gelingen kann, Konflikte handhabbar bleiben und möglichst eine positive Wirkung entfalten können.

-    Die Bewältigung der vier oben genannten Fragen ist eine gewaltige Herausforderung. Letztlich ist Optimismus angebracht, dass man sie in den kommenden Jahrzehnten wird bewältigen können. Noch langfristiger betrachtet ist größere Skepsis angebracht, denn Veränderungen in den Fertilitätsraten wirken sich vor allem in langer Sicht aus. Sie werden vor allem in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts ihre volle Wirkung entfalten. Falls die Zu- und Abwanderung sich die Waage halten sollten, wie beispielsweise in der ersten Hälfte der 1980er Jahre, und die Reproduktionsrate unverändert bleibt, wird Deutschland im Jahre 2100 nur noch 25 Mio. Einwohner zählen.
Das heisst: Die Geburtenzahlen in Deutschland werden deutlich steigen müssen, oder das Land wird in wenigen Generationen entweder ähnlich dünn besiedelt sein wie im 18. Jahrhundert oder überwiegend von Menschen mit Migrationshintergrund bewohnt sein. Diese Prognose gilt in ähnlicher Weise mit einer gewissen Zeitverzögerung für viele andere Staaten der nördlichen Hemisphäre. Auch wenn man eine solche Entwicklung grundsätzlich nicht bedauert: Die Gefahr ist hoch, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft und die Funktionstüchtigkeit des Staates in einem solchen Falle irreparablen Schaden erleidet.

4. Konsequenzen der langfristigen Bevölkerungsentwicklung für die internationalen Beziehungen

Es ist offensichtlich, dass die 500jährige weltweite Vorherrschaft europäischer Völker und ihrer überseeischen Ableger sich mit raschen Schritten ihrem Ende nähert. Die Geschichte der Menschheit tritt in eine neue Phase ein. Die demographische Entwicklung ist hierfür nur eine Ursache, wenn auch eine wichtige. Vietnam beispielsweise wird im Jahre 2050 etwa ebenso viele Einwohner besitzen wie Russland. Afghanistan wird mehr Einwohner haben als Deutschland (s. Anlage).
Dies dürfte unter anderem folgende Konsequenzen haben:

-    Die Möglichkeiten des Westens oder Russlands militärisch in Ländern des Südens zu intervenieren wird weiter abnehmen.

-    Die bevölkerungsstarken Länder werden zunehmendes Mitspracherecht in internationalen Organisationen wie der UNO oder Weltbank fordern. Der Streit zwischen dem Westen und dem Rest der Welt um die Neubesetzung des Chefsessels des IWF im Herbst 2006 lieferte einen Vorgeschmack auf künftige Entwicklungen. Interessenkonflikte zwischen den Etablierten und den aufstrebenden Mächten dürften in Zukunft an Schärfe zunehmen. In der Weltgeschichte ist es gar wiederholt zu gewaltsamen Zusammenstößen gekommen, wenn aufstrebende Länder ein größeres Mitspracherecht in internationalen Fragen und einen „Platz an der Sonne“ forderten. Denn die Etablierten haben an ihrer Position oft krampfhaft festgehalten. Eine weise Politik erfordert, wachsenden Ländern die Möglichkeit zu eröffnen, mehr Verantwortung für die Zukunft der Menschheit zu tragen.

-    Die nachlassende Macht des Westens und Russlands wird ihre Vorbildfunktion für die Menschen des Südens weiter mindern. Der Transfer von Werten, Verhaltensweisen, Techniken und Moden, der jahrhundertelang von Nord nach Süd verlief, wird einem ausgewogenerem Geben und Nehmen Platz machen. Gesellschaften, in denen ein ausgesprochen individualistisches Weltbild vorherrscht dürften an Bedeutung verlieren, diejenigen, in denen kollektive Werte einen höheren Rang besitzen an Einfluss gewinnen.

Zahlreiche weitere Konsequenzen könnten noch benannt werden. Zumindest auf eine sollte noch hingewiesen werden: Noch in den 1950er Jahren glaubten die Eilten und die Bevölkerung Großbritanniens, dass ihr Land einen eigenständigen Pol der Weltpolitik bilden könnte. Von dieser Vorstellung musste das Land Abschied nehmen. Diese Erkenntnis dürfte auch Russland bevorstehen. 1950 betrug der Anteil Großbritanniens an der Weltbevölkerung etwa 2%. Der heutige Anteil Russlands beträgt 2,2%. Und er sinkt.
Europa, vom Atlantik bis zum Stillen Ozean, steht eine gemeinsame Zukunft bevor. Nicht gegen andere, sondern um die eigene Handlungs- und Zukunftsfähigkeit zu sichern und zu stärken.