Erstellt am: 01.06.2006 Autor: Dustin Dehez Status: Bisher nicht definiert
Islamismus und Terrorismus in Afrika – Gefahr für die transatlantischen Interessen?
Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist vor allem der Mittlere Osten verstärkt in das öffentliche Interesse gerückt. Doch von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, haben Al-Qaeda und mit ihr affiliierte Organisationen auch in Afrika eine starke Präsenz aufgebaut. Der Beitrag analysiert, welchen Einfluss arabische Länder auf afrikanische Staaten haben und inwieweit dies durch transantionale Terrororganisationen genutzt wird.
“The threat of terror to U.S. interests in Africa is concrete, rising and discernible. The probability of another attack on Americans on African soil is high.”
“Africa is the underbelly of transnational terrorism.”
Terroristische Organisationen nutzen in Afrika einen Boden, der von staatlichen Akteuren des Mittleren Ostens über Jahre bereitet worden ist. Besonders Saudi-Arabien, Iran und der Sudan haben seit dem Wendejahr 1979 versucht, ihren Einfluss auf die islamischen Gemeinden in Afrika auszuweiten und haben erheblich zur Radikalisierung insbesondere der ostafrikanischen Küstengemeinden beigetragen. Seit dem Ende des Kalten Krieges wird der Kontinent immer wieder von terroristischen Anschlägen heimgesucht: Die Verwicklung Al-Qaedas in den blutigen Krieg gegen die UNO-Mission Restore Hope in Somalia gilt inzwischen als sicher, am 7. August 1998 erschütterten Bombenanschläge auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salaam die Welt, 2002 griffen Extremisten das von Israelis bewohnte Paradise-Hotel im kenianischen Mombassa an und versuchten eine israelische Zivilmaschine abzuschießen – um nur die bekanntesten Anschläge zu nennen. Aber nicht nur die Gefahr von terroristischen Angriffen in Afrika ist hoch, darüber hinaus dient der Kontinent mit seinen schwach institutionalisierten Staaten, seinen informellen Ökonomien und seinen offenen Grenzen dem internationalen Terrorismus auch zur Geldwäsche und zur Vorbereitung terroristischer Angriffe.
Der Einfluss arabischer Länder auf Afrika
Saudi-Arabien – Petrodollars für religiöse Legitimation
Durch den Schutz der heiligen Stätten in Mekka und Medina legitimiert das saudische Königshaus al-Saud seine Herrschaft. Als 1979 Extremisten die heiligen Stätten besetzten, war das Königreich aus eigener Kraft nicht in der Lage sie zu befreien und musste französische Spezialkräfte, nach muslimischer Lesart eben Ungläubige, zu Hilfe holen. Die Besetzung der heiligen Stätten schwächte das Königshaus, das fortan versuchte durch die internationale Verbreitung des Wahhabismus seine eigene religiöse Legitimation wiederherzustellen. Seit 1975 has Riad mehr als 70 Milliarden US-Dollar an sogenannter Entwicklungshilfe ausgegeben, mehr als 50 Milliarden davon in Afrika. Das kommt nicht von ungefähr, denn die arabische Halbinsel liegt in unmittelbarer Nähe zu Ostafrika und dem Horn von Afrika, das als Brücke zwischen dem Orient und Afrika fungiert. Die Entwicklungshilfe konzentriert sich aber nicht etwa auf den Bau von Straßen, sondern auf die Verbreitung des Wahhabismus, meist indem die für Muslime vorgeschriebene Pilgerfahrt nach Mekka, die sog. Hajj finanziert wird oder durch den Bau von Moscheen und Koranschulen. Erst nach dem 11. September und zahlreicher Anschläge in Saudi-Arabien selbst, beginnt die Regierung in Riad diese Politik zu überdenken. Doch in Afrika ist die Saat bereits aufgegangen – die Anschläge auf die amerikanischen Botschaften in Dar-es-Salaam und Nairobi im August 1998 haben das nur allzu deutlich gezeigt.
Iran – das Sendungsbewusstsein einer Revolution
Seit der iranischen Revolution 1979 hat auch die Teheraner Regierung versucht, die eigene Revolution zu exportieren, unter anderem in Staaten, die über einen signifikanten muslimischen Bevölkerungsanteil verfügen. Dabei spielt für Teheran offenkundig auch Ostafrika eine besondere Rolle. Irans Geheimdienste suchen in afrikanischen, schiitischen Gemeinden nach Rekruten für Hisbollah, indem sie das Studium an iranischen Hochschulen finanzieren. Im Sudan haben sowohl Hisbollah, als auch Hamas Trainingslager unterhalten. In keiner Region sind die iranischen Geheimdienste derzeit aktiver, in keiner Region suchen sie gezielter nach israelischen und amerikanischen Interessen. Genau wie Saudi-Arabien hat auch der Iran die Schwäche afrikanischer Staaten nutzen können, um durch Bereitstellung eigentlich staatlicher Aufgaben wie etwa Schulbildung und die Schaffung eines Gesundheitssystems, den eigenen Einfluss zu erweitern und dabei auch radikales Gedankengut zu verbreiten.
Sudan – Islamischer Imperialismus
Der Sudan hat den Vereinigten Staaten bereits seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet. Das Land ist 1995 offenbar in ein versuchtes Attentat auf den ägyptischen Präsidenten Mubarak in Addis Abeba verwickelt gewesen. Schon 1993 platzierten die Vereinigten Staaten den Sudan auf der Liste der staatlichen Sponsoren des Internationalen Terrorismus, nachdem das Land im Golf-Krieg 1991 Partei für den Irak ergriffen hatte. Die Islamisierung des Sudan ist aber ein bereits länger andauernder Prozess, der 1982 mit einem fehlgeschlagenen Coup d’etat auf den damaligen Diktator Al-Numayri begann. Al-Numayri realisierte, dass er, um sich an der Macht halten zu können, seinem Regime ein ideologisches Fundament geben musste und begann die Islamisierung des Sudan. Einen ersten Höhepunkt erreichte diese Entwicklung mit der Einführung der sogenannten September-Gesetze 1983 mit denen islamische Strafen für Delikte wie Diebstahl und Weinkonsum eingeführt wurden. Nach dem Putsch von Omar Al-Bashir im Juni 1989 erklärte der neue Machthaber den Sudan zur Islamischen Republik und in den darauffolgenden Jahren etablierten zahlreiche Terrororganisationen ihre Ausbildungslager im Land: Neben den Iranischen Revolutionsgarden auch der Islamische Jihad, die Hamas, Gaamma Islamiah und die Hisbollah. Der damalige islamistische Vordenker des sudanesischen Regimes, Hassan Al-Turabi lud 1990 auch Osama Bin Laden in den Sudan ein, der dieser Einladung auch nachkam. Gleichzeitig begann das Regime mit einer Art regionalen Islamisierungspolitik, insbesondere in Ostafrika und bediente sich dazu meist der somalischen Minderheiten oder somalischen Bürgerkriegsflüchtlingen in der Region.
Schwache Staaten
Afrika hat zwar einige zum Teil positive Veränderungen in den letzten Jahren durchgemacht, aber die afrikanischen Staaten bleiben in ihrer überwiegenden Mehrheit verwundbar durch den internationalen Terrorismus. Das liegt zu einem entscheidenden Teil daran, dass diese Staaten seit ihrer Unabhängigkeit Schwierigkeiten hatten, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen. Schon in der Kolonialzeit hatten die europäischen Kolonialherren afrikanische Armeen vor allem aufgestellt, um mögliche innere Unruhen und Aufstände schnell unterdrücken zu können, nicht aber um eine äußere Bedrohung abzuwehren – in Berlin hatte man sich 1884 ja bereits auf eine Teilung des Kontinents geeinigt. Auch nach der Unabhängigkeit blieb das Militär nur in Ausnahmefällen das Mittel um äußere Angriffe direkt zurückzuschlagen. Wollte ein afrikanischer Staat seinen Nachbarn angreifen, so bot sich ihm die günstigere Möglichkeit, Rebellen irgendeiner ethnischen oder religiösen Provenienz zu bewaffnen und zu unterstützen: So bekämpften Uganda und der Sudan sich mehr als zwanzig Jahre indem sie auf dem Boden des Nachbarn Rebellen unterstützten: der Sudan die Lord’s Resistance Army (LRA) in Norduganda und Uganda im Gegenzug die SPLM/A im Südsudan. Zahlreiche Sezessions- und Bürgerkriege haben die Ausrichtung afrikanischen Militärs auf einen inneren Feind noch verstärkt. Diese Entwicklung wurde noch einmal mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunigt. Viele afrikanische Staaten verloren ihren wichtigsten Verbündeten, ohne den manch eine Rebellenbewegung nicht mehr gestoppt werden konnte: So fiel das äthiopische Regime von Diktator Mengistu kurz nach dem Ende der Sowjetunion, als die Eritreische Unabhängigkeitsbewegung (Eritrean People’s Liberation Front – EPLF) und die äthiopische Rebellenbewegung TPLF (Tigray People’s Liberation Front) das sogenannte Derg-Regime stürzten, dem der wichtigste Waffenlieferant abhanden gekommen war. Das Militär ist daher eine Machtbasis in der afrikanischen Politik. Obwohl manche Regime ihre Waffenlieferanten verloren, überschwemmten Waffen aus den Staaten des Warschauer Paktes den Markt, denn das Ende des Kalten Krieges ging besonders in Osteuropa mit radikalen Verkleinerungen der Armeen einher. Seit dem Ende des Kalten Krieges sind weit über 100 Millionen sog. small arms auf dem afrikanischen Markt, hinzukommen Tausende von Panzerabwehr- und Flugabwehrraketen. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet in Kenia 2002 eine israelische El-Al Maschine mit einer Flugabwehrrakete angegriffen wurde. Nur in Afrika konnte man so einfach an derartige Waffen herankommen. Doch sollte die angestrebte Konsolidierung von Staatlichkeit in Afrika – durch Regionalkooperation und Umsetzung von good-governance Normen – greifen, wäre das keineswegs das Ende für den Terrorismus in Afrika. Im Gegenteil wird dann eine Periode noch größerer Anschläge beginnen, denn so lange afrikanische Staaten schwach sind, neigen auch radikale muslimische Kräfte weniger zu Selbstmordanschlägen, sondern eher zu einem Guerilla-Krieg gegen die Regierung ihrer Staaten, denn Territorium zu erobern – und damit auch Zugang zu Ressourcen zu gewinnen, um den Krieg fortführen zu können – ist für die meisten Rebellen derzeit noch attraktiver als ein Krieg durch Selbstmordanschläge. Die Betrachtung von Terrorismus in Afrika zeigt, dass Terrorismus an sich kein Gegner ist, sondern eine Strategie die von Gegnern verfolgt wird, die auf dem konventionellen Feld zu schwach sind, um Regierungstruppen direkt herausfordern zu können.
Finanzierung für den internationalen Terrorismus
Afrika ist aber nicht nur als Ziel für mögliche Anschläge interessant geworden, gerade für die Finanzierung der Terrororganisationen ist Afrika unerlässlich. Afrikas Staaten sind schwach, das gilt nicht nur für ihre Armeen und Sicherheitsorgane, in besonderem Maße gilt das auch für die Kontrolle über die Finanzmärkte und die Wirtschaft insgesamt. Die Volkswirtschaften vieler afrikanischer Staaten, insbesondere die besonders schwacher Staaten wie Sierra Leone oder Liberia, können kaum als formell gelten. Am besten lassen sich als nicht-formell/nicht-informell umschreiben. Damit eignen sie sich geradezu ideal für illegale Finanzierungen und zum Parken von Geldern die in den formell organisierten Ökonomien des Westens schon eingefroren worden wären. Hinzu kommt, dass die meisten der schwachen Staaten gerade die Staaten sind, die über besonders viele Bodenschätze verfügen. Gerade hochwertige Bodenschätze wie Gold oder Diamanten eignen sich, um Gelder zu parken, ohne sie auf Konten lagern zu müssen: Al-Qaeda soll so 2001 große Mengen Geld in Blut-Diamanten aus Sierra Leone und Liberia investiert haben – über direkte Kanäle zu dem damals regierenden Warlord Charles Taylor. Dieses Vorgehen machte sich vermutlicherweise auch die Hisbollah zu eigen.
Ausblick – Die Schwächen afrikanischer Staaten in der Terrorismusbekämpfung
Neben der bedeutenden Rolle die Afrika inzwischen für den internationalen Terrorismus spielt, leidet der Kontinent unter den mangelnden Fähigkeiten afrikanischer Sicherheitsorgane. Ihren historischen Ursprung finden sie meist als Teil kolonialer Herrschaftsapparate, der auch in anderer Hinsicht Einfluss auf die Gestaltung afrikanischer Sicherheitsorgane, vor allem aber der Armeen hatte. In den multiethnischen Staaten Afrikas wurden Armeen meist nur aus einer Ethnie rekrutiert, was die Autorität des Sicherheitsapparates weiter unterhöhlt hat. Der Mangel an Autorität wurde lange durch eine grassierende Korruption noch verstärkt, die sich in den Führungsebenen entweder in Schmiergeldaffären in Rüstungsgeschäften, in unteren Ebenen nicht selten im Erheben von Wegzoll niederschlug. Dem stetigen Verfall militärischer Kapazitäten haben afrikanische Regierungen häufig zu begegnen versucht, indem sie paramilitärische Einheiten aufstellten, die dann oftmals in direkter Konkurrenz zu den eigentlichen Streitkräften standen. Da die meisten Regierungen in Afrika sich die Bekämpfung des Terrorismus ernsthaft zur Aufgabe gemacht haben, versuchen die Vereinigten Staaten, die Fähigkeiten afrikanischer Armeen zu stärken. Dazu haben sie mit der East African Counterterrorism Initiative (EACTI), der Trans-Sahel Counterterrorism Initiative (TSCTI) und dem African Contingency Operations and Assistance Programme (ACOTA) gleich drei Programme ins Leben gerufen, die die Fähigkeiten afrikanischer Sicherheitsapparate stärken und die größten Schwächen des Kontinents, wie etwa die mangelnde Grenzkontrolle, in Angriff nehmen sollen.
Dennoch können international agierende Terroristen Afrika relativ leicht für ihre Zwecke nutzen. Erhebliche Unterschiede in Regierungs- und Administrationssystemen afrikanischer Staaten und die noch gering ausgeprägte regionale Kooperation zwischen den verschiedenen Staaten Afrikas machen eine Penetration des Kontinents recht einfach. Wenn die Operation Iraqi Freedom beendet wird, werden zahlreiche Krieger, die derzeit im Irak auf Seiten der Aufständischen kämpfen, in andere Länder weiterziehen, um den Kampf gegen den Westen fortzuführen. Die Gefahr ähnelt der, die nach dem Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan entstanden ist: der Abzug der Sowjets war eine der Ursachen für Konflikte der 1990er Jahre, wie in Somalia und Algerien. Die erhöhte Aktivität der Vereinigten Staaten in Afrika hat also auch einen präventiven Charakter. Je erfolgreicher der Westen im Mittleren Osten agiert, desto interessanter wird Afrika für die nächste Phase im Krieg gegen den Terror. Diese Entwicklung geht einher mit einer wachsenden Bedeutung Afrikas für die internationale Energieversorgung, insbesondere der Amerikas. Obwohl diese Maßnahmen in die richtige Richtung weisen, werden sie ohne begleitende Aktivität der Europäer und ohne die Bereitschaft afrikanischer Staaten die Einhaltung demokratischer Normen als Teil des Kampfes gegen den Terror zu begreifen, nicht genügen, um es Al-Qaeda und deren Verbündeten wirklich zu erschweren, von der schwachen Staatlichkeit vieler afrikanischer Länder Gebrauch zu machen.
Dustin Dehéz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Düsseldorfer Institut für Außen- und Sicherheitspolitik (DIAS) e.V. und Mitglied im Außenpolitischen Arbeitskreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)
Der Artikel entstand auf Basis eines Vortrages, den der Autor am 26. April 2006 bei der Deutsch-Atlantischen-Gesellschaft in Wuppertal gehalten hat.







