Erstellt am: 21.11.2003 Autor: Panagiota Bogris Status: Bisher nicht definiert
Erziehung im Irak - Ein Gewinn von Bedeutungen
Mit der Erziehung gestaltet man die Zukunft eines Landes. Das Fundament dafür bilden die Erwachsenen. Die Iraker bei ihrer Zukunftsgestaltung zu unterstützen, heißt zunächst, zu begreifen, weshalb es ihnen bisher verwehrt blieb, ihre Kinder im eigentlichen Sinn zu erziehen.
Möchte man erzieherisch auf Kinder einwirken, so muss man sich fragen, welches Ziel man verfolgt und welche Kinder man erziehen möchte. Diese Fragen stehen vor dem Hintergrund eines bestimmten Menschenbildes. Es zeichnet sich dadurch aus, dass der Mensch als lebenslang Lernender begriffen wird. Genau darin liegt auch das Ziel von Erziehung an sich. Der Mensch soll durch Erziehung befähigt werden, ein Leben lang zu lernen, um sich weiterzuentwickeln.
Die Voraussetzung dafür ist ein stabiler Lebensrahmen. Er bietet dem Menschen Rückhalt, wenn er im Leben immer wieder durch neue Situationen aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Dieses Gleichgewicht kann er nur wiedererlangen, wenn er seine Haltungen und Verhaltensweisen an die neuen Situationen anpasst.
Es geht also um die Bedeutung „Mensch“ und um die Bedeutung eines objektiv „positiven Milieus“, in dem er menschenwürdig leben und sich entfalten kann.
Bisher erlebten die Kinder im Irak weder die Anerkennung eines solchen Menschenbildes geschweige denn die Konsequenzen. Der Vielseitigkeit von Leben und damit Realität stand ein Prokrustesbett entgegen, in das Erwachsene - die potentiellen Erzieher und Vorbilder - und somit auch die Kinder - hineingezwängt wurden. Damit Erziehung dort greifen kann, muss man sich zuerst um ein empathisches und respektvolles Verständnis ihrer Vorbilder bemühen. Denn:
Erhält ein Kind ein Feed-back von erwachsenen Menschen seines Umfeldes, so werden diese Menschen die Modelle darstellen, an denen es lernt. Meistens sind es Erwachsene aus dem familiären Umfeld. Es können aber auch öffentliche Personen sein, die dem Kind eine indirekte Rückmeldung liefern.
Betrachtet man die Modelle, an denen Kinder im Irak lernten, so scheint die Zukunft aussichtslos:
- Realität im totalitären Regime, wie Saddam Hussein es anführte, war einfach in Schwarz oder Weiß/ Schlecht oder Gut/ Strafe oder Leben strukturiert. Dieser Rahmen suggerierte eine Wahl, die es nicht gab, womit die Bedeutung „Wahl“ im Bewusstsein der Menschen in ihr Gegenteil verkehrt wurde.
- Erwachsene wurden durch Propaganda manipuliert.
- Die Schulpflicht wurde sogar mit dem Ziel der Indoktrinierung zweckentfremdet.
- Die Folter, der viele Menschen ausgesetzt waren, ist ein weiterer wunder Punkt in den Seelen der Menschen. Folter geschieht mit dem Ziel, den Menschen zu brechen. Trotz der Tatsache, dass der Irak Husseins nicht mit dem Dritten Reich zu vergleichen ist, gibt es jedoch, was die Folter angeht, durchaus Parallelen.
Alfred Drees spricht von der Folter einzelner Menschen als Mittel „zur Einschüchterung der übrigen Bevölkerung“, um eine „unmenschliche Herrschaft zu stabilisieren“.
- Menschen wurden wegen ihrer Religion unterdrückt.
Es gibt kein Mittel, das nicht zur Zerstörung jeglicher inneren menschlichen Struktur verwendet wurde. Indem die Menschen in Ideologien, sei es durch verbale und/oder physische Gewalt, aufgelöst wurden, haben sie sich zu einer anpassungsfähigen Masse entwickelt. Diese Masse ist auf der verzweifelten Suche nach Orientierung. Dabei passt sie sich an das erstbeste Milieu an, das ihrem erlernten Muster von Realität entspricht: „Bin ich Unterdrückter so kann mein höchstes Ziel nur darin bestehen, selbst Unterdrücker zu werden.“
Die Legitimation psychologische Lebensbedingungen der Menschen im Irak mit westlichem Gedankengut zu untersuchen, besteht in der Antwort, die die irakische Bevölkerung nach Hussein gibt:
Die Schiiten wollen nun, nach langer Unterdrückung an die Macht, viele wollen an die Spitze. In den Djihad wollen die Schiiten ziehen, wenn die Imame dazu aufrufen. Der Djihad wird zum Lebensmotto der Fanatiker und für den Westen zum Abbild des Islam. Das Ergebnis ist eine falsche Selbst- und Fremdeinschätzung der Bevölkerung. Obwohl man immer wieder beteuert, um die friedliche Absicht des Islam zu wissen, steckt die Aufklärung über diesen Glauben - auf beiden Seiten - noch in den Kinderschuhen.
Wie die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi in einem Fernsehinterview sagte, widerspricht nicht der Islam sondern dessen Fehlinterpretation den Menschenrechten.
Der Djihad ist in allererster Linie der innere Kampf eines gläubigen Muslims gegen gesellschaftsfeindliche Haltungen und Gefühle. Des Weiteren umfasst er die Verkündigung des Glaubens und den Dialog mit anderen Religionen. Eine kriegerische Auseinandersetzung fällt nur als „Verteidigung der Glaubensfreiheit“ und als „Eintreten für Verfolgte und Unterdrückte“ in einen dritten Bereich des Djihad. Selbst dieser Krieg ist schnellstmöglich zu beenden, auch wenn die guten Absichten des Feindes für die Gläubigen zweifelhaft sind.
Mit Hilfe des islamischen Theologen Muhammad Salim soll hier außerdem die Tatsache bekräftigt werden, dass der Krieg im Islam als „anormal“ bezeichnet. Der Respekt vor den Völkern der Schrift (Bibel) wird eindeutig gefordert. Die Völker der Schrift werden als Partner gesehen.
Es reicht bei Weitem nicht aus, wenn der Westen die gemeinsame Basis für einen Dialog anerkennt. Noch wichtiger ist es, den Irakern zu helfen ihr Sprachgut, seine Bedeutung und damit auch sich selbst wiederzugewinnen. Die innere Beweglichkeit, - Basis für die Persönlichkeitsentwicklung - findet sich auch im Koran wieder:
„Gewiss Gott ändert die Lage eines Volkes nicht, ehe sie nicht selbst das ändern, was in ihren Herzen ist“.
Der Staat bestimmte das gesamte Leben, das im Widerspruch zur Lebendigkeit steht. Diese Starrheit steht für das Gegenteil von Erziehungsbasis nämlich für die „Systematik des Seins eines fiktiven Menschen und einer fiktiven Welt.“
Die Besatzer schätzen sich schon glücklich, „wenn niemandem mehr die Zunge herausgerissen“ wird. Journalisten beschreiben anarchische Zustände.
Das diktatorische Regime verleugnete ein realistisches Menschenbild. Das führt dazu, dass Demokratie für diese Menschen nicht Befreiung sondern Entlassung in die Beliebigkeit bedeutet, ohne dass sie es explizit formulieren. Wenn beispielsweise die Schiiten davon sprechen, dass nun „nicht mehr an ihnen vorbeiregiert“ wird, dann meinen eben nicht alle, dass sie ein Mitspracherecht fordern. Eher streben sie die Alleinherrschaft an, und das offensichtlich mit allen Mitteln.
Dieses (soziale und somit auch seelische) Chaos, dessen Zeugen wir täglich sind, ist, trotz erschreckender Bilder, eine ganz natürliche Folge der Erlebnisse dieser Menschen: Folteropfer, die lange Zeit isoliert waren, haben ihren Halt verloren und reagieren auf alles, eben auch auf Positives, mit Abwehr. Diejenigen, die die falsche Welt als einzig wahre erlebt haben, wehren sich gegen alles, was ihnen ihre Orientierung raubt, denn Orientierung ist ein menschliches Urbedürfnis.
Orientierung ist die Reibungsfläche, die es dem Menschen ermöglicht, die Grenze zwischen sich und der Außenwelt zu spüren.
Da die Grenze der Menschen durch seelische und geistige Verletzungen überschritten wurde, ist das, was uns Beobachter so erschreckt, die verzweifelte Suche nach einer Grenze. Diese erhoffen diese Menschen im extremsten Fall durch Selbstmord zu finden.
Der Teufelskreis, in dem es nur darum zu gehen scheint, wer wen unterdrückt, der den Glauben an ein friedliches Leben für die Iraker schwinden lässt, kann durchbrochen werden
Es gibt einen Weg:
Diese Menschen sind ihrer Identität auf das Grausamste beraubt worden. Es muss ihnen nahe gebracht werden, dass es in Zukunft nicht mehr darum gehen kann, andere Namen für dieselben Bedingungen zu suchen. Es kann nicht darum gehen, sie ihrer Religion, Kultur und Tradition zu entledigen. Es kann auch nicht darum gehen, ihnen ständig vor Augen zu führen, welche Gefahr und Unmenschlichkeit sich hinter ihrer Religion, Kultur und Tradition verbirgt. Das degradiert sie wieder zu nichtswürdigen Existenzen im Vergleich zu der vermeintlich hoch entwickelten westlichen Gesellschaft. Das wäre nicht Zukunft sondern bestenfalls Stillstand.
Nein, es muss darum gehen, ihnen dabei zu helfen, dass sie erkennen, was sie gewinnen können.
Möchte der Westen den Demokratisierungsprozess des Irak unterstützen, so muss die Existenz von Folteropfern anerkannt werden, und zwar vor allem von der irakischen Bevölkerung selbst. Nur so kann sie sich insgesamt aktiv an dem Prozess beteiligen. Indem man die Opfer sich über ihre Verletzungen bewusst werden lässt, sind sie in der Lage nach Lösungen zu suchen. Das ist aber nur in einem dialogisch-unterstützenden Prozess möglich, der diesen Menschen die Fähigkeit zur Lösungsfindung zutraut.
Der Begriff der „Wahl“ im Privaten soll seinen Bezug zu mündigen Menschen zurückfinden, die dann auch in die Lage kommen werden ihn politisch zu begreifen.
Ihre verbliebenen Kulturgüter müssen durch die nationalen und internationalen Medien Wertschätzung erfahren, damit die irakische Bevölkerung ihren Wert zu erkennen beginnt. Auch auf politischer Ebene muss sich diese Absicht durch Respektbezeugung widerspiegeln.
Man muss die Hilfe der eigenen intellektuellen Vorbilder hinzuziehen, nicht die der vermeintlichen Feinde. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Iranerin Shirin Ebadi ist ein erster Schritt getan, um islamischen Ländern Wertschätzung zu zeigen. Viele weitere Schritte müssen folgen, auch explizit auf den Irak bezogene.
Es muss den Menschen vor Augen geführt werden, dass sie in ihrem Land mit einem Reichtum an Lebensformen ausgestattet. Dass diese Völker und Religionsgemeinschaften bisher friedlich neben- und miteinander gelebt haben. Bisher war es ihr gemeinsamer Feind Hussein, der sie zusammenhielt. Nun soll es ihr gemeinsames Ziel, der Gewinn von Werten sein.
Zukunft muss ihre Bedeutung als erstrebenswertes und realisierbares Ziel wieder- gewinnen.
Um die Staatskontrolle und den wirtschaftlichen Aufschwung dauerhaft zu sichern gibt es nur einen Weg: die seelischen Nöte, die die Menschen in die Isolation getrieben haben, zu berücksichtigen.
Um diesen Lösungsansatz aber zu verfolgen, muss akzeptiert werden, dass man Menschen im Irak – auch in politischen Zusammenhängen – immer auch als Geistes- und Seelenwesen begreift. Nehmen wir von diesen Einstellungen Abstand so widerspricht das unserer Erziehungspraxis, die auf diesem Menschenbild basiert.
Alle Mühe um Erziehung wird mit dem unermüdlichen und ehrlichen Bemühen um die Wiedererlangung der Bedeutungen einhergehen müssen, die ein realistisches (Selbst-) Bild vom Menschen, seiner Religion und Tradition widerspiegeln.
Dieser Artikel stützt sich auf wissenschaftliche Untersuchungen, die allgemein zugänglich sind.
In der Bemühung ein realistisches Bild vom aktuellen seelischen Zustand der Menschen im Irak zu erhalten, wurden die unterschiedlichsten Quellen herangezogen. Die Inhalte dieser Quellen beschränken sich jedoch bedauerlicherweise auf Zustandsbeschreibungen: Es geht um die Aufzählung materieller Nöte, die immer wiederkehrende Feststellung von der Grausamkeit des Regimes und der Nachkriegsphase.
Hier besteht ein eklatanter Widerspruch innerhalb Zielformulierungen.
Aus welchem Grund wird der seelische Notstand ignoriert, wenn gleichzeitig die Missachtung der Menschenrechte so schmerzlich beklagt wird?







